Mit Hingabe: In der Volksbühne kann man „Die Monosau“ von Jonathan Meese anbeten

Ein fröhlicher utopischer Volksbühnenabend ohne Regie und ohne roten Faden, aber mit direkter osmotischer Verbindung zum Gehirn des Künstlers Jonathan Meese. 

Szene aus „Die Monosau“ in der Volksbühne. Auf dem Bild: Susanne Bredehöft und Margarita Breitkreiz (v.l) sowie Goldklumpen und Mülleimer.
Szene aus „Die Monosau“ in der Volksbühne. Auf dem Bild: Susanne Bredehöft und Margarita Breitkreiz (v.l) sowie Goldklumpen und Mülleimer.Apollonia Theresa Bitzan

Gebrauchsempfehlung: Damit der neue Volksbühnenabend mit dem Titel „Monosau“, entstanden aus Texten des Künstlers Jonathan Meese, seine lebens- und kunstbejahende Wirkung entfalten kann, entspanne man sich. Es macht nichts, wenn man immer wieder den Faden verliert. Man lasse sich nicht irritieren, wenn, wie bei der Premiere am Freitagabend, der eine oder andere Mitzuschauer türschlagend den Saal verlässt, während andere um einen herum schier grundlos in leicht extrovertiertes Kichern ausbrechen. Es darf sogar sein, dass zwischenzeitlich der Glauben an das Theater ins Wackeln gerät oder Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit aller Beteiligten vor allem aber an der eigenen aufsteigen. Umso heller strahlt das Erlebnis, wenn man solche Zweifel  und konventionellen Kategorien hinter sich lässt und ins reine Spiel findet.

Osmose durch Kopfkissen und Schädelwand

Ein Gedanke, den man hierfür im Hinterkopf trage wie in einem Schatzkästchen, sei dem weiten Weg der Worte gewidmet, die an diesem Abend zum Leben erwachen und an ihr Ziel, das Zuschauerohr, gelangen. Jonathan Meese, so erzählte der Dramaturg Henning Nass in einem Pressevorgespräch, habe Werke der Weltliteratur in seine „individuelle Mythologie“ – ein Begriff des Schweizer Kunsttheoretikers und Museumsleiters Harald Szeemann (1933-2005) – aufgenommen, indem er sie unter sein Kopfkissen gepackt hat und ihre Helden im Schlaf per Osmose durch die Daunen und die Schädeldecke ins Hirn und noch tiefer eindringen ließ. In täglichen Séancen griff Meese als selbsternannte „Ameise der Kunst“ zum Stift und brachte Gedichte, Pamphlete, Manifeste, Heldensagen oder Utopien aufs Papier, die ihm in den reich bevölkerten Sinn schossen.

Seine Mutter, damals noch Angestellte bei der Kreissparkasse, tippte die Schriften abends in der Küche ab, die Konvolute wuchsen zu einem Papierberg an, der viele Umzugskisten füllte. Meese kompilierte daraus in den Neunzigern ein 500-seitiges Buch, das er allen renommierten deutschsprachigen Verlagen anbot, und, als er auf kein Interesse stieß, selbst zu einem Dummy in fünffacher Ausgabe zusammenheftete und von seiner Galerie vertreiben ließ. Diese Texte wurden nun von einer Gruppe von Schauspielerinnen und Schauspielern durchforstet, jeder steuerte zu dem „garantiert regiefreien“ Abend etwas bei, das ihn ansprach. Das merkt man der Inszenierung an, die seltsamerweise dennoch entstanden ist.  

Man vertraue auf die Künstler

Man sei sich also gewiss, dass das, was man zu hören bekommt, weit durch mehrere Bewusstseinsschichten und -zustände sowie die Köpfe vieler Beteiligter gereist ist. Das macht es nicht leichter, dem Abend auf irgendeiner inhaltlichen Ebene zu folgen, aber es hilft vielleicht, die Seele zum freudvollen Mitsingen einzuschwingen. Deswegen verzichtet diese Gebrauchsempfehlung hier auf jegliche inhaltlichen Angaben oder gar Deutungsvorschläge. Man überantworte sich den herrlich heterogenen und hingebungsvollen Meese-Wort-Verkündern des siebenköpfigen Spielensembles – Franz Beil, Susanne Bredehöft, Margarita Breitkreiz, Benny Claessens, Kerstin Graßmann, Rosa Lembeck und Martin Wuttke – und vertraue auf den reichlich in Bewegung gesetzten und von Meese-Einspielern auf Trab gehaltenen Maschinengeist der Volksbühne, die musikalische Rahmung von Grégoire Simon, die dreiköpfige Band im Orchestergraben und auf die Soufflage von Elisabeth Zumpe.

Die Monosau wieder am 19. Feb., 5., 19. März (jeweils 18 Uhr), 25. Feb. (19.30 Uhr) in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Karten unter Tel.: 24065777 oder volksbuehne.berlin