Berlin - Gerüchte über ernstzunehmenden Machtmissbrauch am Maxim-Gorki-Theater in Berlin waren vor einer Woche in der Süddeutschen Zeitung laut geworden. Am Donnerstag teilte das Bühnenschiedsgericht Berlin am Donnerstag mit, dass eine Dramaturgin gegen das Theater klagt. Sie wendet sich dagegen, dass ihr befristeter Arbeitsvertrag nicht verlängert wird. Die Nichtverlängerung verstoße gegen das Maßregelungsverbot des § 612 a BGB und stehe im Zusammenhang mit einem Beschwerdebrief mehrerer Beschäftigter gegen die Intendantin wegen Machtmissbrauch und Mobbing. Zudem werde sie in ihrer Elternzeit als Frau diskriminiert. Das Maßregelungsverbot bedeutet, dass der Arbeitgeber einen Arbeitnehmer bei einer Vereinbarung oder einer Maßnahme nicht benachteiligen darf, weil dieser in zulässiger Weise seine Rechte ausübt. Übersetzt bedeutet das: Wenn eine Arbeitnehmerin Elternzeit nimmt oder sich über ihren Arbeitgeber oder ihre Arbeitgeberin beschwert, hat sie das Recht dazu, und es dürfen ihr keine Nachteile daraus entstehen. Die Verhandlung beim Bühnenschiedsgericht findet nächsten Mittwoch, 5. Mai, statt.

Es sei zutreffend, dass ein arbeitsgerichtliches Verfahren anhängig sei, teilte der Theatersprecher am Donnerstagabend mit. „Das Maxim Gorki Theater ist den klägerischen Anträgen sowie dem gegnerischen Vortrag vollumfänglich entgegengetreten, die Vorwürfe sind, soweit kolportiert, unzutreffend.“ Sie seien aus persönlichkeitsrechtlichen und datenschutzrechtlichen Gründen daran gehindert, hierauf im Einzelnen einzugehen.

Gorki-Mitarbeiter schilderten gegenüber dem Spiegel eine toxische Arbeitsumgebung

Ebenfalls am Donnerstag veröffentlichte der Spiegel weitergehende Details über „das Klima der Angst“, an diesem bundesweit als progressiv geltenden Theater. Es knalle schon seit Jahren. Mitarbeiter des Theaters schilderten gegenüber dem Spiegel eine toxische Arbeitsumgebung. Dafür spreche auch ein Mailverkehr zwischen Mitarbeitern und der Vertrauensstelle Themis, an die sich Beschäftigte aus Kreativbranchen wenden können, um Übergriffe zu melden. Der Spiegel konnte diesen offenbar einsehen. Die Mitarbeiter schildern laut Spiegel, Shermin Langhoff brülle regelmäßig andere Menschen in Grund und Boden und werde auch körperlich übergriffig. Kritik zu äußern, heiße es übereinstimmend, sei im Gorki-Theater nicht mehr möglich. Zum Ende der Spielzeit würden wohl mindestens acht Leute das Theater verlassen, eine ungewöhnlich hohe Fluktuation. Aus Furcht vor Konsequenzen wollten alle Betroffenen anonym bleiben.

Ende 2019 haben laut Spiegel neun Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen Beschwerdebrief geschrieben. Darin beklagten sie sich über eine belastende Arbeitskultur, Beleidigungen, verbale Gewalt und Angst. Die Beschwerde sei dann auch zu Themis gegangen, von dort zum Senat, es habe zunächst ein als positiv empfundenes Gespräch mit Mitarbeitern von Lederer gegeben. Doch im Weiteren hat sich die Gruppe der Beschwerdeführer laut Spiegel vom Senat weder beschützt noch begleitet gefühlt.

Wie bereits vergangene Woche zu dem Bericht in der Süddeutschen Zeitung nimmt Shermin Langhoff auch zu dem Bericht im Spiegel nicht Stellung. „In den aktuellen Berichten werden weder Namen genannt noch andere hinreichende Hinweise gegeben, die Frau Langhoff ermöglichen würden, zu den Vorkommnissen – sollte es sie gegeben haben – Stellung zu nehmen“, ließ sie durch einen Sprecher erklären. Zu Personal- und Vertragsfragen könne sie aus Gründen des Persönlichkeits- und Sozialdatenschutzes generell keine Auskunft geben.

Die Kulturverwaltung hat im Dezember 2020 Shermin Langhoffs Vertrag verlängert. Sie geht damit in eine dritte Amtsperiode und soll vorerst bis 2026 Intendantin des Gorki-Theaters bleiben.

Erst vor einigen Tagen war das Bühnenschiedsgericht schon einmal angerufen worden. Chloé Lopes Gomes, eine Tänzerin des Berliner Staatsballetts, hatte der Trainingsleiterin Rassismus vorgeworfen und gegen die Nichtverlängerung ihres Vertrags geklagt. Die Tänzerin und das Staatsballett einigten sich auf einen Vergleich. Der Vertrag von Chloé Lopes Gomes wird um ein Jahr verlängert, außerdem erhält sie 16.000 Euro.