Berlin - Nicht wenig erinnert dieser Abend an ein Ereignis, das das Gorki Theater vor fünf Jahren veranstaltete. „Flüchtlinge fressen“ hieß es, wofür das Zentrum für politische Schönheit in schauriger Realtheatralität einen Käfig vor das Theater baute, vier Tiger hineinsteckte und das Publikum auf die öffentliche Fütterung warten ließ. Vor dem Hintergrund der großen Flüchtlingstracks, die damals unter den Augen der Weltöffentlichkeit immer wieder im Mittelmeer versanken, bevor sie das ersehnte europäische Asyl erreichten, suchten die Performer nun Freiwillige, die sich gleich hier vor Ort zur öffentlichen Verfütterung bereit fänden. Das zynische Fressspektakel hier sollte natürlich für die nicht weniger zynische Flüchtlingstragödie vor den Grenzen Europas stehen, die ganz einfach auch dadurch abzustellen wäre, indem man sichere Transporte installierte.

War das noch politisches Theater oder schon spektakelhafte Kunstverwurstung eines Notstandes auf Kosten der Schwächsten? Empfindliche Fragen, die auch der kroatische Bühnenschreck Oliver Frljic nur allzu gern in seinem Theater immer wieder an die Grenzen der Beantwortbarkeit treibt. Seit zwei Jahren ist er Hausregisseur am Gorki und sein Theaterparcours „Alles unter Kontrolle“ nun ist so etwas wie der intelligentere kleine Bruder der Tigerkäfig-Aktion.

Raubkatzen gibt es nicht, dafür Schauspieler mit Flucht- und Diskriminierungserfahrungen, die auch hier zwischen Kunst- und Selbstpräsentation ins Zwielicht geraten. Das ganze Haus ist dafür in ein seltsames Labyrinth aus Käfiggängen und Terrarien verwandelt, durch die die Zuschauer in Gruppen wie Bestien in die Manegen geführt werden. Fünf durchsichtige Zellen warten als Spielstationen, die wie Zoo wirken, aber auch Peepshow-Kabinen und Überwachungsräume aufrufen, in denen nie klar ist, wer vor wem geschützt wird und wer wen intensiver beobachtet: die innen oder außen.

Dieser Verlust an Macht über den Raum, über die eigene Rolle sowie die der Spieler, vor allem aber die stechenden Blicke zurück sind erst einmal das am meisten Verstörende an diesem intensiven 70-Minüter. Er evoziert einen Zustand der Verunsicherung und des Misstrauens, den man aus der Ausnahmezeit der Pandemie nur zu gut kennt und der hier noch einmal angeheizt wird wie im Schmelztiegel.

In Anlehnung an Walter Benjamins Geschichtsbegriff versucht Frljic in sechs kleinen Verhör- und Erzählszenen die Desorientierung, den Ausnahmezustand nicht als politisches Krisenmanagement, sondern als konstruktive Erkenntnismethode zu fassen. Als Zustand, der ein Sensorium entwickelt für die andere Seite der Macht, ihr Unterdrücktes, Ausgegrenztes. Darin ist er zugleich sadomasochistische Keimzelle des Theaters selbst.

Ein Aufklärungsstück der Finsternis

Im zentralen Akt des Abends im Zuschauerraum stellen die Schauspielerinnen Lea Draeger und Abak Safaei-Rad die berühmte Zeitlupenszene aus Robert Wilsons „Deafman Glance“ (1970) nach: Erst reicht eine schwarze Frau einem weißen Kind ein Glas Milch, dann ersticht sie es mit dem Brotmesser. Alles unendlich langsam. Zuvor nimmt Draeger einen Schokokuss und schält ihm die braune Schale ab, bis nur noch der weiße Schaum übrig ist, den sie sich im Gesicht verschmiert. Auch in der individuellen Verwandlung bleibt jeder an der überindividuellen Maske kleben, die er repräsentiert. Diese immer auch schuldhafte Kernerfahrung umkreist Frljic’ Gefängnistheater virtuos. Ein Aufklärungsstück der Finsternis.

Alles unter Kontrolle bis 20.6., ab 18 Uhr im Gorki-Theater, Anmeldung: www.gorki.de