So orientierungslos und missmutig, wie der Mitbesucher nach der Gastspielpremiere von „Die Räuber der Herzen“ bei den Fahrradständern herumlief, dachte ich schon, man hätte ihm sein Gefährt geklaut. Ich hingegen verließ sprudelnden Herzens die Schiller-Adaption, die Bonn Park in Hamburg mit Steven Soderberghs Gauner-Film „Ocean’s Eleven“ zu einem gegenwartskritischen, dabei aber ultrafreundlichen Abend kombiniert hat. Der Mann suchte nicht sein Rad, sondern, Achtung: Rat, sodass er mich unbekannterweise anzusprechen nicht an sich halten konnte: „Hat Ihnen der Abend etwa gefallen? Für mich war es das schlimmste Theatererlebnis meines Lebens.“

Er blieb freundlich und schien wirklich interessiert zu sein, warum so viele im Saal so frenetisch Beifall spendeten, während er gelitten hatte. Und weil ich als ein Theaterkritiker aus leidlicher Erfahrung weiß, wie einsam sich diese Momente anfühlen, versuchte ich, ihm diesen Abend irgendwie noch aufzuschließen.

Die in einem Spielcasino auftretende Räuberbande um Karl zieht bei Bonn Park nur mit besten Absichten zu Felde, niemand soll unterdrückt oder gar verletzt werden, allen soll Gerechtigkeit widerfahren. Ausgeraubt wird nur das, was man sowieso einmal erben würde, und auch hierbei walte höchste Rücksicht, denn, sind die Räubergefühle auch kompliziert, das Happy End ist alternativlos.

Es ist die Konflikthaftigkeit des Lebens selbst, die infrage steht. Das erstickt natürlich jede dramatische Entwicklung. Deshalb bestehen die Dialoge größtenteils aus undifferenzierten Zustimmungen, und statt einander abzustechen, bereiten die Figuren Schaumbäder der Achtsamkeit, spielen sich zur Entspannung VHS-Kassetten mit Reden von Barack Obama vor, servieren ganz sicher fleischfreies Hühnerfrikassee, tanzen und singen ungebundenen Text zu der so schmissigen wie konturlosen Elektronikmusik, die Fee Aviv Marschall live einspielt.

„Ich geh ins Bett und schau noch ein bisschen was“

Hundert Minuten halten sie es miteinander aus und fühlen sich „so mittel“. Dann reicht es ihnen, und sie verabschieden sich mit dem wohl traurigsten Gutenachtgruß, mit dem sich die junge Generation spätestens seit den Corona-Lockdowns verabschiedet: „Ich geh ins Bett und schau noch ein bisschen was.“ Früher ging die Jugend nicht ins Bett oder wenn doch, dann, um Liebe zu machen und um zu träumen.

Der Mann an den Fahrradständern guckte immer unglücklicher. Und ich, der ich so viel Freude hatte, fragte mich nun auch, was es da zu Grinsen gibt.

Autorentheatertage noch bis 18. Juni. Karten, Programm und Informationen unter Tel.: 030 28441115 oder: deutschestheater.de