Revue im Scherbenglanz: Constanza Macras’ „Drama“ an der Berliner Volksbühne

Mit schönster Tapferkeit, bester Laune und in vollstem Untergangsbewusstsein werfen sich die Choreografin und ihr Ensemble in den Kampf um Aufmerksamkeit. 

„Drama“ an der Berliner Volksbühne
„Drama“ an der Berliner VolksbühneThomas Aurin

Was ist denn mit Puck auf einmal los? Springt herum mit seinem Blümchengesicht und zwei Kurzschwertern in den Händen, rammt sich immer wieder die Klingen in den Leib, schneidet sich die Gurgel ab, den Nacken auf, schiebt die Klingen mit einem Tempo durch die Eingeweide, als würde ein Meisterkoch sich bei lebendigem Leib selbst filetieren. Er ist allein zurückgeblieben, der Giftmischer und Handlungstreiber aus dem „Sommernachtstraum“. Eben war die Bühne noch voll von Shakespeare-Figuren, die tun, was sie seit Jahrhunderten tun: Hamlet disputiert mit einem Schädel, Lady Macbeth versucht, das Blut von den Händen zu waschen, Romeo und Julia sterben ihre traurig hanebüchenen Tode. Es wird gefochten, geliebt, geheuchelt, gemeuchelt, intrigiert, irritiert, sich versteckt und geneckt – alles durcheinander und zugleich.

Eine halbe Sekunde Aufmerksamkeit

„Drama“ heißt der neue Volksbühnenabend der Choreografin Constanza Macras, und man sitzt gleich am Anfang davor und versucht, die Fäden der Handlungen aus dem Knäuel zu ziehen. Auch die Figuren selbst bewegen sich, als würden sie alle halbe Sekunde vergessen, was sie tun. Sie handeln zuckend ein Programm ab, statt auf eine Situation zu reagieren und zu ihrer Entwicklung beizutragen, wie man es als Dramenfigur eigentlich täte. Sie wundern und erschrecken sich ständig über sich selbst und darüber, wie ihnen geschieht. Sie freuen sich genau eine halbe Sekunde an der ewigen Liebe, brechen ab, wundern sich, wenden sich in der nächsten halben Sekunde einer anderen Liebe zu, brechen ab, wundern sich, werden abgestochen, brechen ab, wundern sich, sterben in großer Bühnenschönheit, brechen ab, wundern sich, stehen wieder auf und so weiter.

Nichts folgt auseinander, alles geschieht gleichzeitig, wenn man nicht hier und da ein kleines Erinnerungsecho in seinem bildungsbürgerlichen Hirnkasten vernehmen würde, hätte man keine Chance auf Orientierung. Die Figuren verkleben zu einem Haufen, aus ihren Taten und Handlungen wird kinetische Energie, die Affekte und Triebe äußern sich als unmotivierte Zuckungen.

Es geht also eher um die Abschaffung des Dramas, ohne dessen Prinzipien wie Narration, Dialog und Identifikation Menschen auch ihre Wirklichkeit nicht sortiert kriegen werden. Es kann nicht schaden, in unserer medial durchfragmentierten Gegenwart ein bisschen zu üben, wie man überhaupt noch miteinander in Kontakt kommt, wenn von den zwischenmenschlichen Verbindungen eigentlich nur noch purer Aufmerksamkeitssport übrig bleibt. Bilder überlagern Bilder, Schlagzeilen überschreien Schlagzeilen, Gesichter verschieben unentwegt Gesichter und versuchen, uns zu fesseln. Aber bevor alle Fenster zur Welt in Scherben fallen, verbringen wir noch den einen oder anderen Abend im Theater, und wenn Constanza Macras auf dem Spielplan steht – umso besser. Denn zwischen Drama und Rauschen passt immer noch eine Revue. 

Die Hierarchie des Blicks

Im Theater gelten andere Gesetze. Das Publikum kann nicht zappen, es bleibt in der Regel sitzen. Und es besteht eine verlässliche Hierarchie zwischen Sender und Empfänger, zwischen Bühne und Parkett. Die wird in dem Bühnenbild von Simon Lesemann betont, das im Wesentlichen aus einer massiven Showtreppe besteht. Der Clou ist, dass sich die Stufen wegklappen lassen und alles ins Rutschen kommt. Die Rampe aber steht sicher, und auch das Bühnenpersonal weiß, wie man etwas mit Wucht und Glamour rüberbringt. Und man erfährt, welche Mühen und Opfer es kostet, wie viel Ungerechtigkeit im Spiel ist, die wir in politisch korrekten Zeiten eigentlich schwer hinnehmen können.

Der Abend wechselt munter die Erzählweisen, Macras greift viele ihrer erprobten Ideen wieder auf. Es gibt die Daily-Soap-Roboter, die zu atmender Elektromusik von Robert Lippok durch Eifersuchtskonstellationen rattern, Playmobil-Sequenzen mit Mord und Totschlag, Musicaleinlagen, frontales Revuegeschmetter, mit ordentlich Schmachtsaft gesungen und live begleitet von Katrin Schüler-Springorum und Lucas Sofia, viel schönem Sport, ein paar Kolonialismus- und Machtmissbrauchsreflexionen, zwischendurch auch den Zusammenschnitt von mindestens 30 Versionen von Amy Macdonalds Superhit „This Is The Life“, gecovert und ins Netz gestellt von ihren Fans – pubertierenden Mädchen, selbsternannten Spaßvögeln, potenten Heavy-Metal-Jungs, warmherzigen Barden, traditionsfesten Mariachis, kokaindurchpumpten DJs.

Der Höhepunkt des Abends ist das nachgespielte Intro der 80er-Jahre-TV-Serie „Fame“, die in einer Kunstschule spielt. Die in Aerobic-Mode gekleideten Tänzer springen und hechten durchs Geviert, werfen sich in Posen, überbieten einander und stacheln sich auf, dann stiefelt noch ein Chor herein und stimmt mit ein. Und während man nostalgisch mitfliegt, fällt einem ein, dass ja auch hier schon aller Lebensinhalt im Gewurschtel des Alltags nur der Kampf um den Platz auf der Bühne war, darum, gesehen zu werden.

Der Abend ist großartig, weil das herrlich heterogene Ensemble großartig ist: Candas Bas, Alexandra Bódi, Emil Bordás, Campbell Caspary, Fernanda Farah, Moritz Lucht, Thulani Lord Mgidi, Knut Vikström Precht, Miki Shoji und Shiori Sumikawa. Die Fähigkeiten sind atemberaubend, aber das gehört zur Kundenerwartung. Das Herz erreichen sie durch ihre strahlende Individualität, sie schenken sich her, zeigen sich verletzlich, ironisieren sich, freuen sich an der eigenen Leistung, lieben ihre Körper und mit großer Heftigkeit auch uns, ihr Publikum. Und wir, Hierarchie hin oder her, lieben sie mindestens so heftig zurück. 

Drama. 21., 29. Januar; 3., 27. Februar in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Karten und Anfangszeiten unter Tel.: 24 06 57 77 oder www.volksbuehne.berlin