Berlin - Die Frage „Euch gibt’s noch?“ hat Rio, den Sänger der Punkband No Exit in den letzten Jahren genervt. Denn es ist eine sinnlose Frage, zumindest wenn man sie direkt an Rio richtet. Solange es Rio gibt, das war klar, wird es auch seine Band geben. Nun gibt es Rio nicht mehr. Er ist mit 52 Jahren überraschend in der Nacht zu Mittwoch gestorben. Die traurige Nachricht kommt vom Weißenseer Kulturzentrum Brotfabrik, wo Rio zuletzt als Beleuchtungschef gearbeitet hat und wo sogar ein Stück über ihn herausgekommen ist: „De Janei­ro – ein Punk ertrinkt in Wei­ßen­see“. Nähere Umstände sind noch nicht bekannt.

Noch im letzten Sommer saßen wir im Garten der Brotfabrik und haben uns für die Serie Zeitenwende über gestern, heute und morgen unterhalten. Es schien, als habe Rio – Robert Korn, wie er bürgerlich hieß – einen Weg gefunden, mehr oder weniger behaglich zu leben und dennoch ein Punk zu bleiben. Von einer gesicherten bürgerlichen Existenz würde man bei seinem geringen Verdienst und seinem Lebenswandel eher nicht sprechen, aber immerhin war er angestellt, das Geld reichte für Bier, Katzenfutter und die Miete. Außerdem hatte er immer noch etwas von den 64.000 Euro übrig, die er 2014 bei „Wer wird Millionär?“ gewonnen hatte, auch wenn das meiste von dem Geld für Steuerschulden draufging. Er hatte einen Laden mit Punk-Klamotten auf- und dann wieder zugemacht und dabei wenig Gedanken auf das Finanzamt verschwendet.

Foto: Imago/BildFunkMV
Rio 2012 bei einem Konzert in Stavenhagen.

Ein bisschen faul sei er geworden, hat er zugegeben. Die letzte Bandprobe war schon wieder eine Weile her, wegen der Zweit- und Drittjobs, er müsse mal wieder ein paar neue Songs schreiben, mal wieder was veröffentlichen und so langsam über das nächste Jubiläumskonzert nachdenken. Die Band wurde 1987 gegründet, seit 1991 ist Rio ihr Gesicht – dreißig Jahre kokettierte er mit dem Publikum, tanzte er mit dem Mikrofonständer, saugte er zwischen den Titeln an Kippe und Bierflasche. Es gab Punkte im Leben von Rio und in der Bandgeschichte, an denen es viel weiter nach oben hätte gehen können. Siehe Rammstein. Andererseits konnten die Abstürze weitgehend abgefangen werden. „Wenn man ehrlich ist“, so Rio nach dem dritten Bier an diesem Nachmittag, „ist No Exit zum Hobby geworden.“ 

No-Exit-Konzerte – die Band hat über 500 Auftritte gezählt – hielten, was sie versprachen: Fröhliche Wut auf Staat, Spießer und rechte Schweine, gut gelaunter Lebensekel, unnachgiebige Sauflieder, aber auch Balladen, die nicht selten von totgeschlagenen oder totgesoffenen Punks handelten. Die Platten heißen „Du sollst scheißen“, „Ihr habt es so gewollt“, „Love Hate Punk“, „Das Letzte von die besten zehn Jahre“ oder einfach „Ihr nicht“. Die reifere Stimme und die über die Jahre zunehmende Virtuosität an den Instrumenten machten Rio ein bisschen Sorge, dass der Punkrock von No Exit als zu radiotauglich missverstanden werden könnte.  Ihm gefiel, was er machte. Und er war noch lange nicht fertig. Er hinterlässt zwei Töchter, die Brotfabrik, immer noch sehr viele Fans und seine Band.