Schaubühne: Der Traum von der Adoption und dessen schwierige Erfüllung

Caroline Guiela Nguyen inszeniert in der Schaubühne ihr dokufiktives Recherchestück „Kindheitsarchive“ über die komplizierte Realität von Auslandsadoptionen.

Blick ins Adoptionsbüro auf der Bühne in Caroline Guiela Nguyens „Kindheitsarchive“
Blick ins Adoptionsbüro auf der Bühne in Caroline Guiela Nguyens „Kindheitsarchive“Gianmarco Bresadola

Zu Beginn eine fantastisch verträumte Kinderzeichnung. Sie verschließt die komplette Bühne wie einen Karton und zeigt eine leere Berglandschaft, in der jemand sitzt und sinniert, ein bisschen wie der kleine Prinz auf seinem Planeten. Darüber kleinere Zeichnungen, die im Laufe des Abends wechseln: Wolken mit weinenden Gesichtern darin, sich umarmende Menschen und schließlich eine Gestalt, deren Arme länger und länger werden, damit sie die eine Figur weit links und die andere weit rechts hinter dem Berg berühren kann. Und über all dem ein Sternenhimmel, dessen Gestirne projiziert über die stille Fläche wandern und das Ortlose, Unruhige dieses nachdenklichen Abends überbringen.

Es geht um ein so sensibles wie stark reglementiertes Thema, bei dem persönlichste Lebensentscheidungen und politisches Weltgeschehen höchst konfliktreich ineinandergreifen: das Adoptieren von Kindern aus dem Ausland. Warum konfliktreich? Ist die Aufnahme von Kindern nicht immer gut, wenn sie ohne eigene Eltern sind oder diese nicht für sie sorgen können, sei es aus persönlichen, wirtschaftlichen oder welchen Gründen auch immer? Eben nicht. Und das ist die sehr besondere Erkenntnis an diesem ruhig realistischen, ja auch ziemlich oldschoolhaften Konversationstheaterabend in der Schaubühne, deren Dramatik und Reichweite man nahezu plastisch begreift. Vor allem aber durchdringt man sie intellektuell in ihren juristischen und humanistischen und damit keineswegs auch menschlichen Wendungen.

Der neuralgische Punkt

Normalerweise inszeniert die französisch-vietnamesische Theatermacherin Caroline Guiela Nguyen mit ihrer 2009 gegründeten Kompanie Les Hommes Approximatifs sorgfältige Recherchen, die marginalisierte Themen zurück ins gesellschaftliche Zentrum rücken. So spürten sie den Nervensträngen des französischen Kolonialismus nach, die bis heute durch die Generationen geistern. Als sie mit dem episch-sinnlichen „Saigon“ 2018 beim FIND-Festival gastierten, begründete das den Ruhm der damals unbekannten Nguyen. Oder sie beleuchteten die Leben von Langzeit-Gefangenen, was als Film zum ersten Teil ihrer Trilogie „Fraternité“ (Brüderlichkeit) wurde. Deren Abschluss stellt nun das Stück „Kindheitsarchive“ dar, für das Nguyen erstmals nicht mit ihrer aus Laien und Professionellen zusammengestückelten Truppe arbeitet, sondern mit den geschliffenen Schauspielern vom Lehniner Platz.

Szenisch also läuft alles unaufregend glatt an diesem Abend, der den Blick in die Räume einer deutschen Adoptionsvermittlungsstelle wirft. Die Einrichtung verbindet gesetzte Freundlichkeit mit Funktionalität: warmes Licht, ein Konferenztisch in der Mitte, lächelnde Familienbilder an den Wänden, eine Spielecke, Pflanzen und Kaffeekocher. Alles hier will das Beste für alle. Und wenn die drei Sachbearbeiterinnen Veronika Bachfischer, Ilknur Bahadir und Alina Vimbai Strähler plaudernd eintreten, dann in dem freundlich gedämpften Ton, mit dem sie auch den Adoptionswilligen später begegnen.

Vier bis fünf fiktive Fälle werden an diesem Abend skizzenhaft beleuchtet, und alle führen das internationale Adoptionssystem an jenen neuralgischen Punkt, an dem seine hehren Prinzipien heillos ineinanderfallen. Frau Levi zum Beispiel soll nach fünfjährigem Warten, An-sich-Arbeiten, Kämpfen endlich einen siebenjährigen Jungen aus Vietnam bekommen. Ruth Rosenfeld steht die Anspannung ins Gesicht geschrieben: Wird der Traum wirklich wahr? Immer wieder Fragen, Einwände. Dann steht der Kleine ratlos da, überschüttet von ihrer Zuneigung und überschüttet vom Zwang zum Glück. Oder die 20-jährige Nina (Irina Usova), die plötzlich wissen will, woher sie stammt, und damit eine Gefühlslawine von Schuld und Selbsterniedrigung bei ihren beiden Müttern lostritt, die nicht zu stoppen ist.

In schlichten Parallelschaltungen führt Nguyen die einzelnen Stränge geradewegs in ihre Widersprüche zur Haager Übereinkunft, die ganz dem Kindeswohl dienen und alle ökonomischen Interessen einer Adoption ausschalten soll. Nichts jedoch durchzieht die Schicksale hier mehr als das soziale Gefälle zwischen Herkunfts- und Adoptionsland. Ein inhaltlich komplexer, menschlich schmerzlicher Abend, der die sozial zerteilte Welt noch mal beschämender vor Augen hält.

Schaubühne, 10., 11., 14.–16.10., 20 Uhr, Tel: 030/890023