Berlin - Wer ein Vorstellungsgespräch vor sich hat, verbringt die Nacht davor unter Umständen damit, gedanklich verschiedene Szenarien durchzuarbeiten. Man malt sich in Gedankenschleifen aus, was man in dem Moment, in dem man durch die Tür tritt und das erste Wort sagt, so alles falsch machen kann. In dem Stück „(Kein) Weltuntergang“ der 35-jährigen britischen Dramatikerin Chris Bush, am Sonnabend in der Schaubühne uraufgeführt, kann man mindestens zwanzig verschiedene Versionen eines solchen Moments erleben. Die junge Wissenschaftlerin Dr. Anna Vogel (Alina Vimbai Strähler) stellt sich der Professorin Uta Oberdorf (Jule Böwe) vor – es geht um eine Postdoc-Stelle. Die Versionen dieser Begegnung sind manchmal nur einen Satz lang, dann gibt es ein Rückspulgeräusch, und die beiden Schauspielerinnen stehen wieder auf, gehen rückwärts aus der Tür, um ein paar Augenblicke später von vorn zu beginnen.

Der Witz ist, dass alle Versionen Realität beanspruchen und die gezeigten Abläufe nur einen Bruchteil der Realitäten in einem Multiversum bilden. Entsprechende philosophische Parallelwelt-Modelle haben schon die Atomisten Leukipp und Demokrit im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung entworfen und beschäftigen auch heute noch die Quantentheorie. Es ist gedanklich einfach nicht hinnehmbar, dass es in der Unendlichkeit nur uns und unsere Erde geben kann, die sich in jedem Augenblick (Schmetterlingsflügel, Reissack) in eine von unendlich vielen anderen möglichen verwandeln könnte.

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