Berlin - Vernon ist noch nicht lange über fünfzig Jahre alt. Ein alter weißer Mann. Zu seiner Entschuldigung sei gleich hinzugefügt, dass es sich um die Romanfigur einer Frau handelt, erfunden von der französischen Schriftstellerin Virginie Despentes. „Das Leben der Vernon Subutex“ ist eine Trilogie, die zu einem Riesenerfolg wurde. Viele sahen darin eine sarkastisch feministische Antwort auf die Männerbücher von Michel Houellebecq. 

Auch wenn sich Vernon zumindest körperlich vergleichsweise gut gehalten hat, kommen alte weiße Männer bei Despentes nicht besonders gut weg. Wenn sie nicht fett sind, hat ihnen der Neid ein Magengeschwür wachsen lassen. Sie jammern ihren verpassten Jahren hinterher, kämpfen um ihre Machtpositionen und ihre Potenz, denken nur ans Gewinnen und ans Vögeln. „Ihre Eier hängen herunter wie sklerotische Schildkrötenköpfe“ und „sie riechen auch immer so unangenehm nach einer Mischung aus Muff und Urin“, findet jedenfalls eine weibliche Altersgenossin.  

Nun erzählt der Regisseur Thomas Ostermeier (53 Jahre alt) in der seit über zwanzig Jahren von ihm geleiteten, nach langer Corona-Ruhe wiedereröffneten Schaubühne den ersten Teil von Vernons Niedergang als ein viereinhalbstündiges Stationendrama. Der Schauspieler Joachim Meyerhoff (54) hat ihm den Stoff vorgeschlagen, er spielt den Titelhelden. Na ja, Held. Titelschluffi ist angemessener.

Vernon lebt in Paris, hat einmal einen Plattenladen geführt, ist arbeitslos geworden, hat sich eine Weile mit kleineren Jobs durchgeschlagen, dann von der Stütze gelebt, bis ihm diese gestrichen wird. Eine Weile passiert sehr wenig, dann schmeißen ihn die Gerichtsvollzieher aus der Wohnung. Vernon klappert auf der Suche nach Unterkünften seine Kumpels und Frauen aus der Vergangenheit ab. Und aus den mit viel Wut und Humor und nicht ohne Liebe gezeichneten, seelisch und charakterlich durchweg gescheiterten Figuren setzt sich das Bild einer zersplitternden, desillusionierten, egoistischen, angstzerfressenen, spätkapitalistischen Gesellschaft zusammen. Als sagen wir einmal 48-jähriger männlicher weißer Leser grinst man vor sich hin und bekommt schlechte Laune, weil man sich permanent abgestoßen und ertappt fühlt.

Vom Er-Schlafwandler zum Ich-Träumer

Meyerhoff ist ein Meister des Erzähltheaters. Seine legendären autobiografischen Abende („Alle Toten fliegen hoch“) hat er  zu Bestsellerromanen gemacht. Wenn er spricht, verbündet er sich mit jedem einzelnen im Publikum, gibt ihm das Gefühl, den gemeinsamen Moment zu feiern, in dem ihm Erinnerungen und Gedanken aufsteigen. Jeder einzelne fühlt sich eingeladen, gemeint und verstanden und ist ein bisschen stolz, weil ihm scheint, dass er mit seinem teilnehmenden Interesse zu der freudvoll staunenden Erzählung beiträgt.

In der zärtlichen Zuwendung, die er in seinen autobiografischen Geschichten dem Helden und seinen sehr genau und pointiert gezeichneten Macken entgegenbringt, badet er nun auch diesen Vernon. Der depressive, gedankenlose Er-Schlafwandler des Romans wird zu einem melancholisch reflektierenden Ich-Träumer. Mit Brille, angeklebten Haarfuseln guckt und raucht er vor sich hin, besieht sich die Leute auf seinem Weg, vergisst immer wieder, dass er seine Jeans anziehen wollte, tanzt, trinkt, achtet in wortkargen Gesprächen auf Unverfänglichkeit und schiebt sich zwischen die Sofakissen.

Die anderen Figuren, die durchaus auch lange, mit Fortschreiten des Abends immer längere Monologe an das Publikum richten, müssen dagegen abfallen. Neben der Indifferenz des Hauptschluffis, die ihm einen Rest von Geheimnis und viel Identifikationsspielraum lässt, wirken ihre durchgearbeiteten Charakterzeichnungen wie Klischees, von denen man sich nur zu gern abgrenzt: der proletarische Gewalttäter, der asoziale Börsenmaniac, der gekränkte Frustpapa, die emanzipierte Expornodarstellerin, die herzlose Sachbearbeiterin, die verruchte Privatdetektivin, die erotisch bedürftige Labertasche und so weiter. Die Frauenfiguren müssen meist als Männerprojektion herhalten, räkeln sich viel, tragen Fransenstiefel zu kurzen Röcken und senken Stimme und Augenlider. Keine Frage, das geschieht in aller sexistischen Werktreue, transportiert hier aber seltsam ungebrochen den männlichen Blick.

Das abstrakte, im Wesentlichen aus einem Baugerüst bestehende Bühnenbild von Nina Wetzel illustriert die Unbehaustheit. Videos von Sébastien Dupouey flackern über mehrere Screens, zeigen mal Schnittbilder sozialer Not, mal antiquierte Pornoanimationen, mal die abgefilmten Gesichter des Ensembles. Den einzigen, aber doch sehr überzeugenden Hoffnungsschimmer verdanken wir den drei Musikern Henry Maximilian Jakobs, Taylor Savvy und Thomas Witte, die von Selbstzweifeln ungetrübt ein Set von gefühl- und druckvollen Punk- und Postrockcoversongs darbieten. Sehr erholsam, diese Fröhlichkeit. Man könnte meinen, das Leben mache vielleicht doch auch manchmal Spaß. Ist ins Sorgenheft notiert.

Das Leben des Vernon Subutex 1. 9. - 17. Juni (außer 14. 6.) in der Schaubühne, Karten und Informationen unter T.: 890023 oder: www.schaubuehne.de