Berlin - Das Theater ist durch die Pandemie in mindestens dreierlei Hinsicht in die Krise geraten. Nicht nur in finanziell – das wird zumindest bei den subventionierten Häusern erst einmal ausgeglichen. Und auch nicht nur, weil in der Zwangsruhe Konflikte um Machtmissbrauch, Führungskultur und Diskriminierung aufbrachen, die hoffentlich in eine fruchtbare Strukturdebatte münden. Die größte Gefahr, in die die aus der Routine geschleuderten Institutionen geraten, besteht darin, dass ihnen die Relevanz im Miteinander der bürgerlichen Gesellschaft verloren geht – viel deutlicher und schneller, als es ohnehin schon der Fall war. Insofern ist es symptomatisch, aber auch nötig und hoffentlich irgendwie auch relevant, dass sich das Theater, da es nun endlich wieder öffnet, mit sich selbst beschäftigt. Nicht nur auf diskursiver und gegebenenfalls juristischer Ebene, sondern auch mit den eigenen Mitteln: dem Spiel.

Für das Gorki gilt das nach den im Spiegel erhobenen Vorwürfen gegen die Intendantin Shermin Langhoff ganz besonders. Am Dienstag öffnete das Haus – abgesehen von der ebenfalls krisengeschüttelten Volksbühne, die aufgrund des Intendantenwechsels schon in der Sommerpause ist – als letztes großes Sprechtheater seit Monaten zum ersten Mal wieder für Publikum. Es war die erste Premiere der seit 2013 währenden Shermin-Langhoff-Intendanz, an die ich mich erinnern kann, bei der sich die Intendantin nicht persönlich nach dem Schlussapplaus an das Publikum wandte, um sich zu bedanken, Veranstaltungshinweise durchzugeben und zum Umtrunk einzuladen.

Viele Worte, mit denen dieser Text das eigentliche Ereignis rahmt: nämlich die Inszenierung von Ersan Mondtag, der pandemiebedingt gleich mit drei Arbeiten in gut zwei Wochen in Berlin Premiere feiert. „It’s going to get worse“ heißt das Stück, das der Regisseur zusammen mit dem fünfköpfigen Ensemble entwickelt hat. Und das mit der Rahmung – das heute gängigere Wort lautet Framing – ist auch Mondtags Ding. Eigentlich geht es in den fünf locker montierten Monologen um das Macht- und Missbrauchsverhältnis zwischen Schauspieler und Zuschauer: Was wären wir ohne euch? Was wollt ihr von uns? Was treibt euer Blick mit uns? Wie könnt ihr es wagen, uns zu bewerten? Angeflogen werden diese Fragen mit fast schon satirischem Bedeutungsbewusstsein aus großer politisch-historischer Höhe.

Das Portal ist mit goldener Spiegelfassade verklebt: der Palast der Republik. Am First findet sich die nicht unzutreffend zusammengefasste, preußisch blau hinterlegte Inschrift von der Rotunde des nachgebauten Stadtschlosses: „Knie nieder vor dem Herrn, Bitch!“ Ganz oben züngeln schon die Flammen. Der Abend beginnt mit dem Abspielen der DDR-Hymne – die seit 1974 nicht gesungen, sondern nur instrumental aufgeführt wurde. Kann es wirklich sein, dass man vom Palast der Republik und den Worten Johannes R. Bechers gerührt ist? „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“ und so weiter mit Müttern, die ihre Söhne nicht mehr beweinen sollen, mit einem pflügend, bauend, schaffend, lernend emporsteigenden Geschlecht, frei wie nie zuvor, und der Sonne, die so schön wie nie über Deutschland scheinen möge? Es ist ein bisschen peinlich, angesichts dieser jubelnden Utopie, die sich mit Hanns Eislers Musik noch die Tränen abwischt, sitzen zu bleiben.

Die Palastfassade wird weggeklappt und der nur noch selbstreferenziell gebräuchliche Theatervorhang dahinter öffnet sich vor dem Bühnenbild von Nina Peller: einer sechsstufigen Showtreppe zwischen zwei goldenen Palmen. Oben steht ein kaiserlicher Thron, hinter dem drei Pfauen ihre Räder schlagen. Das Ganze dreht sich und zeigt auf der Rückseite Mutter Maria und ihr Kind. In dieses Szenario weltlicher und geistlicher Macht, das mit seinem abwaschbaren Folienglanz auch an ein Porno-Set erinnert, beordert die Inspizientin Berit die Schauspieler.

In einer Casting-Situation sollen sie etwas Persönliches und Ehrliches hergeben: Kate Strong erzählt, wie sie als Balletttänzerin gequält wurde und malt die Fantasie eines bestialischen Muttermordes aus. Orit Nahmias tut sich ein bisschen schwer, weil sie seit sieben Jahren vor ihrem Therapeuten und vor allem am Gorki schon ihre gesamte Biografie ausgebreitet habe. Cigdem Teke bringt die Geschichte von ihrem Kind mit, das mit Verbrühungen ins Krankenhaus musste, während sie Theater spielte. Eine Stimme (Melanie Jame Wolf) unterbricht gern in den emotionalsten Momenten, macht das Gebotene eiskalt nieder und klopft es auf Brauchbarkeit ab.

Den Hauptpart des auf zweieinhalb Stunden gestreckten Abends übernimmt dann mit virtuoser Penetranz Benny Claessens, der eigentlich nur drei Songs am Klavier singt, sich aber permanent unterbricht, um sich improvisierend über das Publikum und unter anderem auch den eingangs erwähnten Spiegel-Artikel auszukotzen. Bevor das Theater donnernd untergeht, zeigt uns die weinende, unter Schmerzen tanzende Kate Strong noch den Stinkefinger. Da haben wir zwar längst schon den Faden verloren, dürfen uns als Publikum aber schuldig oder sagen wir einmal mitverantwortlich und auf jeden Fall bestraft fühlen. Entsprechend konsterniert der Applaus.

It's going to get worse. Größtenteils auf Englisch mit deutschen Übertiteln. Karten und Termine unter Tel.: 20221115 oder gorki.de