Suse Wächter weckt „Brechts Gespenster“ am Berliner Ensemble

Die Berliner Puppentheaterkünstlerin Suse Wächter bringt ihr großes Ensemble der Untoten mit: Helden, Schurken und kleine Leute spielen und singen Brecht.  

Die Berliner Puppenspielerin Suse Wächter mit Bertolt Brecht im Berliner Ensemble
Die Berliner Puppenspielerin Suse Wächter mit Bertolt Brecht im Berliner EnsembleJörg Brüggemann

Also, was ist denn da los? Luciano Pavarotti tritt in schwarzem Smoking an die Rampe des Berliner Ensembles, sein Haar fällt in dünnen Strähnen an ihm herab, ein Seidentaschentuch hält er in der Linken, und seine Stimme ist nur ein wenig eingerostet und quakig, als er die Kinderhymne von Bertolt Brecht anstimmt. Das heranrauschende und hinaufschwellende, von Tusch zu Tusch jubelnde Elektroorgelstreichorchester lässt das Pathos über uns allen zusammenschlagen: „Und nicht über, und nicht unter andern Völkern wolln wir sein.“ Da fangen, erfasst von der Aura des Ortes, vom Hauch der Geschichte und von der kindlichen Utopie, nicht nur die ausgetrockneten Augen des hartgesottenen Kritikers zu glänzen und zu tropfen an, sondern auch die des in die Bühnenferne blickenden italienischen Startenors, was nicht viel weniger verwunderlich ist, denn bei ihm handelt es sich streng genommen um eine Puppe. Keinen Meter groß, gebaut und animiert von der Berliner Puppentheaterkünstlerin Suse Wächter. 

Mit einigen ihrer „Helden des zwanzigsten Jahrhunderts“, einer von ihr über Jahre angelegten und ausgeweiteten Sammlung von liebevoll und lebensecht nachgebildeten Persönlichkeiten aus dem kulturellen und politischen Leben der jüngeren Weltgeschichte, sowie mit ihrem Puppenspieler-Kollegen Hans-Jochen Menzel und den beiden Live-Musikern Martin Klingeberg und Matthias Trippner bestreitet sie einen kleinen Abend auf der Vorbühne des Berliner Ensembles. „Brechts Gespenster“ ist ein leicht und fröhlich konsumierbares, lange nachwirkendes Nummernprogramm, ein windschiefes Wunschkonzert von abgenudelten und unsterblichen Brecht-Liedern und ebenso abgenudelten und unsterblichen Widersprüchen des klassischen Materialismus sowie des Verwandlungs- und Verfremdungstheaters. 

Lob des Kapitalismus

Mit Henry Ford und Margaret Thatcher treten auch zwei Hohepriester des Kapitalismus auf. Ford psalmodiert schön langsam das „Lob des Kommunismus“, damit das Theater möglichst viel, nach Sekunden zu entrichtenden Tantiemen zu bezahlen hat, während letztere, ein lebensgroßes, in Wesen, Stimme und Gestik nicht zu verkennendes Gerippe, das Ganze einfach auf den Kapitalismus ummünzt, und siehe da, die Lobhudel-Leier funktioniert nicht nur, sondern sie kommt einem irgendwie bekannt vor: „Er ist vernünftig, jeder versteht ihn. Er ist leicht. Du bist doch kein Ausbeuter, du kannst ihn begreifen. Er ist gut für dich, erkundige dich nach ihm.“ Das könnte doch direkt aus der FDP-Gebetsmühle stammen.

Das rotlackierte Skelett des langjährigen BE-Intendanten Manfred Wekwerth, eingeführt als Thatchers Konterpart, lässt sich von den Gedanken seines Lehrers und Förderers Brecht zum epischen Theater entflammen. Eine herrliche Nummer, bei der man es nicht schafft, den so offensichtlichen V-Effekt-Abstand von Spieler und Figur zu reflektieren, sondern sich von dem Feuer und der Mühe ihrer dozierenden Begeisterung mitreißen lässt wie ein herkömmlicher bürgerlicher Zuschauer, der sich der ewigen Magie des Theaters hingibt, statt auf Abstand zu gehen und sich die nächsten Schritte zur Veränderung der Welt zu überlegen. Schön auch, wie Lenin, direkt vom Mausoleum herübergeschoben, an den Schlaf der Welt rührt, dies aber mit der entspannten Eitelkeit eines Jazzlounge-Casanovas, der die Klänge und Kanonenworte verhallen lässt und die Beine zur ewigen Ruhe und Zufriedenheit übereinanderschlägt.

Religion ist nicht Opium, sondern LSD fürs Volk

Das Proletariat besteht aus zwanzig Zentimeter hohen Zeichenpuppen mit Schiebermützen, die von der Individualisierung entzweit werden und jeder für sich in den Abgrund schlenkern. Und als Gott auf Karl Marx, sein ähnlichstes menschliches Ebenbild hienieden trifft, gibt es über die Frage, ob Religion nun Opium für das Volk sei oder doch LSD, einen kurzen Disput, der aber in einem leidenschaftlichen Kuss der antagonistischen Vollbärte endet. Gartenzwergphilosophen streiten über den Kleinen Mann und kotzen in große Eimer, Kafka und Freud rahmen das Thema der Wiedergängerei poetisch und psychoanalytisch. 

Die Musik ist herrlich verschroben und schief, reizt und leiert Tempo und Melodien aus, wölbt sich und kollabiert, wanzt sich an und sprintet in Deckung, wenn es ernst wird. Wächters und Wenzels Chargen und Parodien sind von meisterlicher Sicherheit und Coolness. Nichts kann schief gehen, nichts brennt an. Suse Wächters Abend ist schnell zur Hand mit nostalgischen Glanzlichtern und grummelnden Andeutungen zur Gegenwart und lässt schnell wieder los, bevor es anstrengend oder kitschig werden kann. Nach 90 Minuten ist es schon wieder vorbei, und das jubelnde Publikum geht mit Inspiration bepackt in den Abend, der noch jung genug ist, um sich weiterführende Gedanken zu machen und mit Ohrwürmern zu angeln. 

Brechts Gespenster 22., 23., 26. Sept., 14., 15. Okt., 19.30 Uhr im Berliner Ensemble, Karten und Informationen unter Tel.: 28408155 oder berliner-ensemble.de