„Die Vielleichtsager“ im Berliner Ensemble: Lob des Denkens

Alexander Eisenach inszeniert sein neues Stück „Die Vielleichtsager“ im Neuen Haus des BE. Brechts „Der Jasager und der Neinsager“ liegt dem Abend zugrunde.

Vorabfoto: „Die Vielleichtsager“ von Alexander Eisenach, Regie: Alexander Eisenach
Vorabfoto: „Die Vielleichtsager“ von Alexander Eisenach, Regie: Alexander EisenachAlexander Eisenach

Dass Brecht mit seinen Lehrstücken das Publikum belehren wollte, gehört ja zu den hartnäckigsten Missverständnissen der Kulturgeschichte. Zwar kleidete er sie alle in die strenge Form eines Modells, doch zementiert das dann keine Lehre, geschweige denn ein Dogma, sondern initiiert vielmehr das abweichende Spiel damit. Dem Lernen dienen diese Stücke dennoch, aber einem, das nicht zu wissen lehrt, sondern zu denken. Einem nie abgeschlossenen Prozess also, dem der Autor und Regisseur Alexander Eisenach mit seinem „Vielleichtsager“ im BE nun eine überraschend gegenwärtige und über die Gegenwart hinausreichende Fortschreibung beschert hat.

Brechts „Der Jasager und der Neinsager“ liegt dem Abend zugrunde, jene dialektisch konstruierten zwei Schulopern von 1930/31, die wiederum auf ein japanisches No-Stück des 15. Jahrhunderts rekurrieren, das von einem ritualisierten Menschen-Opfer während einer Pilgerreise ins Gebirge erzählt. Brecht ersetzt das religiöse Ritual durch die medizinische Forschungsreise eines Lehrers mit seinem Schüler und thematisiert darin jene Widersprüche zwischen den Bedürfnissen des Einzelnen (hier des Schülers, der unterwegs krank wird) und der Gemeinschaft (hier der medizinischen Mission, die keinen Aufschub verträgt), die sich zu jeder Zeit, in jeder Gesellschaft vollziehen.

Alexander Eisenach rückt die Schüler-Lehrer-Geschichte in neue Zusammenhänge

Der eigentlich pädagogisch brisante Kernkonflikt der Konstellation aber ist das geforderte Einverständnis des Schülers, sich für die Gemeinschaft zu opfern und umgekehrt das Opfer überhaupt zu verlangen. Wer ist diese „Allgemeinheit“, wem dient sie, für welche Wahrheit lebt sie, was sind die Konsequenzen ihres Tuns? Entfaltet Brecht diese Fragen, indem er klare Zustimmung und Ablehnung des Schülers je ein Mal durchspielen lässt, treibt Eisenach die Sache noch einen Perspektivwechsel weiter ins vage „Vielleicht“. Zudem rückt er die Schüler-Lehrer-Geschichte in drei ganz neue, realistisch-futuristische Zusammenhänge.

Aus dem Lehrer wird erst ein Geologe, dann ein Astrophysiker, zuletzt eine Meeresbiologin, deren Forschungsreisen die Mehrheitsgesellschaft zuerst vor dem Energiekrisenwinter 2022 retten soll, dann vor der bevorstehenden Mars-Kolonisierung als Flucht von der unwirtlichen Erde 2122 und schließlich vor der Unterwerfung der Menschen unter die Spezies der Riesenkraken 2222. Dabei spinnt die scheinbare Abstrusität dieser Settings die nebulösen und immer unauflöslicher sich verquickenden Zusammenhänge unserer Weltgesellschaft nur bestens weiter. Die Schauspieler Malick Bauer, Lili Epply und Peter Moltzen demonstrieren das in einem sich drehenden Vier-Raum-Quader in wechselnden Rollen und mit munter überhöhten Spielstilverrenkungen. Wen opfern wir für unsere warmen Füße und warum tun wir das leichten Herzens, nur weil wir das Opfer am anderen Ende der Welt nicht sehen? Der locker ernste Abend öffnet dazu die Augen erschreckend klar. „Viele sagen Ja, und doch ist da kein Einverständnis./ Viele sind einverstanden mit Falschem. Und viele werden nie gefragt.“

Berliner Ensemble 30.10., 12., 13.11., 20 Uhr, Tel.: 28 40 81 55