Theaterpazifismus: Oliver Frljić dekoriert Brecht mit Butscha

Der Brecht-Klassiker „Mutter Courage“ wird im Gorki über den Massengräbern der Gegenwart gespielt. Aber was folgt daraus?

„Mutter Courage“, gespielt von einem Frauenensemble im Gorki-Theater
„Mutter Courage“, gespielt von einem Frauenensemble im Gorki-TheaterUte Langkafel

Über das Anfangsbild kommt man den ganzen Abend nicht hinweg. Was ist gemeint? Mutter Courage sitzt auf einem Haufen, und ihr langer Mantel verdeckt Menschenleiber: die drei lebenden ihrer Kinder sowie unzählige tote, deren Gliedmaßen unter dem Saum des Mantels hervorragen.

Die Toten sind verrenkt und teilweise eingepackt in die schwarzen, mit Klebeband verschlossenen Mülltüten, die seit der Entdeckung der Massengräber von Butscha ikonisch sind. Ein kühner Sprung vom Dreißigjährigen Krieg in die Gegenwart. Oder doch eher eine Bauchlandung?

Das Gorki-Theater zeigt den zweiten Teil der Kriegstrilogie von Oliver Frljić, dem neuen Künstlerischen Co-Leiter des Hauses. Nach dem kunstigen Blutbad-Büchner, der im Frühling kurz nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine Premiere hatte, kommt jetzt der Tanz mit den Leichen. Gespielt wird der Brecht-Klassiker; stark eingestrichen, aber chronologisch und ohne Fremdtexte, wie es die Brecht-Erben verlangen. Die Titelrolle wird mit dem langen Mantel (Achtung, Stolperfalle) im weiblichen Ensemble weitergereicht, jede darf mal den Grundkonflikt aufknoten: Wie bleibt man Mensch im Krieg?

Handlung im Sparformat

Der Geschäftssinn der Courage – man könnte auch Überlebenswille sagen – kostet sie das Leben ihrer drei Kinder. Eilif wird hinter ihrem Rücken eingezogen, als sie mit einem Feldwebel um eine Schnalle feilscht. Bei Schweizerkas verhandelt sie einen Tick zu lange um ein Lösegeld. Und Kattrin opfert sich, als sie glaubt, keinen Platz in den Zukunftsplänen ihrer Mutter zu haben.

Die Handlung wird in Sparformat transportiert, die entsprechenden Texte werden zumeist von der Rampe mit illustrativen Gesten ins Publikum gerufen. Zitate aus dem Lied der Courage werden interessant verschleppt, aber leider auch sehr kraftlos gesungen. Spielsituationen kommen kaum zustande, dafür gibt es viele weitere Arrangements der besagten Leichen. Sie werden umgestapelt, auf Särgen durchs Geviert gezogen, finden als Podest Verwendung oder hängen wie an Galgenstricken aus dem Schnürboden.

Wenn Tote zu Schlenkerpuppen werden

Zu lernen ist dabei, dass man sich im Krieg an den Anblick der Toten gewöhnt und abstumpft. Das ist nicht falsch und gilt übrigens auch für Theaterzuschauer, die irgendwann die Toten gar nicht mehr als Tote wahrnehmen, sondern als das, was sie sind: im Weg liegende Schlenkerpuppen. Manchmal verwechselt man sie mit den lebenden Schauspielerinnen und stellt seinen Blick schnell wieder scharf.

Protest beim Schlussapplaus
Protest beim SchlussapplausBLZ/use

Ein papierner Brecht, von dem die triviale Aussage bleibt, dass Krieg Menschen unmoralisch werden lässt, dekoriert mit den Leichen der Gegenwart: Das ist wohlfeiler Theaterpazifismus, der sich gedankenfaul auf die sichere Seite bringt und die Menschen in der Ukraine argumentativ alleinlässt. Darf man sich nicht wehren? Doch! Der Applaus wurde bei der Premiere von den Schauspielerinnen gekapert, die ein Transparent mit dem Slogan „Jin, Jiyan, Azadi!“ (Frau, Leben, Freiheit) entrollten, um sich in revolutionärer Hoffnung mit den protestierenden iranischen Frauen zu solidarisieren.

Mutter Courage und ihre Kinder 12., 30. Oktober, 14. November, 19.30 Uhr im Gorki-Theater, Karten unter Tel.: 030 20221115 oder gorki.de