Berlin - Eine Woche her ist es nun, dass Klaus Dörr als Intendant der Volksbühne zurückgetreten ist. Sein Name ist von der Website des Theaters verschwunden, der Aufklärungsprozess hinsichtlich der Vorwürfe von zehn Frauen, Dörr sei sexuell übergriffig gewesen und habe eine Schauspielerin wegen ihres Alters diskriminiert, geht weiter. Der Vorgang hat erneut ein grelles Licht darauf geworfen, welch ein gefährdeter Raum das Theater ist, was den Missbrauch von Macht angeht. Gründe hierfür sind die hierarchische Struktur, die Abhängigkeitsverhältnisse, die daraus resultieren, und das Geschlechterverhältnis. In Deutschland sind 80 Prozent der Intendanten und 70 Prozent der Regisseure Männer, 85 Prozent derjenigen, die sich hilfesuchend an Themis, die Berliner Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt, wenden, sind Frauen. Auch die zehn von der Volksbühne haben sich dorthin gewandt. 

Eine weiterer Grund, der das Theater für Übergriffe so anfällig macht, liegt im Theatermachen selbst. „Das Verschwimmen der Grenze zwischen Privatem und Arbeit ist eines der Standbeine des Theaters“, sagt Christoph Gosepath (59) der Berliner Theaterregisseur und Leiter der Künstlergruppe Club Tipping Point, der gleichzeitig als Psychiater und Psychotherapeut arbeitet. Das bestätigt auch der Theater- und Opernregisseur Bernd Mottl (55), der in Berlin im Tipi „Frau Luna“ inszeniert hat und zuletzt am Staatstheater Wiesbaden die Oper „Anna Nicole“, auch er ein Mann, der das System seit Jahrzehnten von innen kennt. „Theater hat mit Öffnung zu tun, damit, sich zu zeigen. Deshalb redet man auf Proben schnell über Intimes. Das Senken der Hemmschwelle ist Programm“, sagt er.

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