Klaus Dörr übernahm im April 2018, nachdem der Castorf-Nachfolger Chris Dercon den Betrieb in eine finanzielle Krise gesteuert hatte, die Intendanz der Volksbühne zunächst kommissarisch, dann regulär. Im Sommer, wenn René Pollesch kommt, endet verabredungsgemäß Dörrs Amtszeit. Nach dem schwierigen Beginn sind nun seine letzten beiden Spielzeiten von der Pandemie und den Maßnahmen zu ihrer Eindämmung geprägt. Dörr, der sein Berufsleben im Gesundheitswesen begonnen hatte, sieht ein, dass das Infektionsgeschehen aufgehalten werden muss, aber die Maßnahmen dafür sind ihm zu wenig gezielt. Er ist Mitinitiator eines Expertenkonzepts zur kontrollierten Öffnung der Kultur- und Sporteinrichtungen, das in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde. Auch unterschrieb er einen offenen Brief, in dem Berliner Kulturinstitutionen darauf bestehen, zusammen mit dem Einzelhandel wieder zu öffnen. 

Berliner Zeitung: Herr Dörr, die Corona-Krise hat Ihr Haus besonders fatal erwischt, weil Ihre ohnehin kurze Amtszeit im Sommer endet. Mussten Sie viel absagen?

Klaus Dörr: Wir haben bereits im Frühsommer  in unserer Planung eine zweite Welle mit eingerechnet. Allerdings hätten die meisten von uns nicht gedacht, dass der Shutdown so lange anhält. Wir haben bisher nur zwei fertige Produktionen, die das Licht der Welt noch nicht erblickt haben, darunter mit „come as you are (jokastematerial)“ von Fritz Kater eine Uraufführung . Vieles, wie das Festival „Diaspora Europa“ und zuletzt die Premieren von Claudia Bauer und Alexander Eisenach, haben wir digital zugänglich gemacht. Auch Stefan Pucher zum Beispiel hat mit seinem Team grundlegend umgedacht und wird seine „Kassandra“-Bearbeitung jetzt ausschließlich filmisch umsetzen.

Wird denn weniger als sonst gearbeitet?

Ich würde sagen fünfzig Prozent. Die landeseigenen Betriebe – DT, Gorki, Parkaue, Konzerthaus und Volksbühne – dürfen offiziell erst seit dem 1. Januar Kurzarbeitergeld beantragen. Das betrifft bei uns etwa die Hälfte der Mitarbeiterschaft.

BLZ/Benjamin Pritzkuleit
Der Intendant

Klaus Dörr, geboren 1961 in Neustadt an der Weinstraße, hat nach einer Ausbildung zum Pfleger Wirtschaftswissenschaften in Berlin studiert. Seine Abschlussarbeit schrieb er über das Berliner Ensemble, das zur ersten Station seiner Theaterkarriere wurde.

Seit 1999 war er als Produzent und Berater in der freien Szene unterwegs bis er als geschäftsführender Direktor mit Armin Petras das Maxim-Gorki-Theater übernahm. Beide wechselten 2013 ans Staatsschauspiel Stuttgart.

Im März 2018 als künftiger Geschäftsführender Direktor des Volksbühnen-Intendanten Chris Dercon vorgestellt, übernahm Dörr nach dessen Weggang die Leitung des Hauses. Im Sommer 2021 übergibt er sie an den Regisseur René Pollesch. 

Gibt es auch Bereiche, die mehr Aufwand betreiben müssen?

Die gibt es. Verwaltung, Öffentlichkeitsarbeit und die Videoabteilung natürlich haben deutlich mehr zu tun. Die Kurzarbeitsanträge sind zu stellen, das Programm muss gedreht und geschnitten werden, wir erarbeiten Monat für Monat zwei Spielpläne, einen analogen und einen digitalen. Es ist paradox: Einige Arbeitsbereiche sind seit Wochen und Monaten zwangsweise fast komplett heruntergefahren.

Wie geht es dem Ensemble? Wer bei Ihnen unterschrieben hat, wusste, dass er nur eine kurze Zeit hat, um sich zu präsentieren – und dann versickert der Spielplan in der Pandemie ...

Unsere Ensemblemitglieder haben Zweijahresverträge. Das wären zwanzig Monate Spielbetrieb – davon sind bisher schon fast neun Monate ausgefallen. Und keiner weiß, wann wir wieder öffnen dürfen. Im Herbst haben wir im Austausch mit den Teams entschieden, das Repertoire erst mal nicht zu digitalisieren – in der Hoffnung, möglichst bald wieder auf der Bühne zu spielen. Seit Februar zeigen wir die neuen Stücke nun doch, in Livestreams oder eigenen filmischen Bearbeitungen. Wir machen das vor allem für unser Ensemble. Die Resonanz ist toll, aber der Grundtenor der Zuschauenden ist: Wir freuen uns schon jetzt darauf, den Abend live sehen zu können.

Wie ist bei diesen schlechten Nachrichten die Stimmung?

Ich wundere mich, wie positiv die Stimmung ist. Das liegt aber auch daran, dass wir proben und produzieren. Auf der anderen Seite ist die Situation natürlich auch mit Angst verbunden, denn wer nicht auf der Bühne gesehen wird, wird nicht engagiert. Die Lage der Ensembles ist schwierig, noch schwieriger ist es allerdings für die freien Theaterkünstlerinnen und -künstler.

Wie viel Zeit bleibt Ihnen noch?

Am 11. Juni ist die letzte Vorstellung, am 12. Juni ist unser letzter gemeinsamer Tag hier am Haus. Wir wollen die Zeit auf jeden Fall nutzen! Es gibt das Bestreben der Kulturverwaltung, Pilotprojekte mit Schnelltests aufzusetzen, um so Sport-, Clubkultur-, Musik- und Theaterveranstaltungen zu ermöglichen. Da haben wir uns natürlich sofort beworben. Denn jeder Tag, der vergeht, ist für unser Ensemble eine verlorene Chance.

Was wird mit den nicht abgespielten Produktionen?

Unsere Produktionen, die vor der Pandemie entstanden sind, sind nicht an die Hygienevorschriften anzupassen. Zu große Besetzungen, zu enge Abstände. Das haben wir geprüft.

Und nach der Pandemie? Kann man die nicht mehr hervorholen?

Wir arbeiten nur noch bis Mitte Juni an der Volksbühne, dann übernimmt René Pollesch.

Muss man deswegen alles wegschmeißen?

Ganz so ist es nicht. Es gibt mindestens drei Produktionen, die die neue Leitung übernehmen will. Der Nachhaltigkeitsgedanke betrifft aber ja vor allem Bühnenbild und Kostüme – wenn das Ensemble ausgetauscht wird, ist es schwierig, Vorstellungen zu organisieren und zu finanzieren.

Ist das noch zeitgemäß, dass ein neuer Intendant immer auch eine neue künstlerische Richtung bedeuten muss?

Ja, ist es. Davon bin ich überzeugt. Man kann im Theater keinen dazu zwingen miteinander zu arbeiten. Das gilt für Intendanz, Regieteams und Ensemble. Auch das neue Leitungsteam hat, wo es konnte, Verträge mit künstlerischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht verlängert. Klar, das ist das Spiel. Ob das unter den verschärften Bedingungen der Pandemie so gespielt werden muss, darüber gibt es verschiedene Meinungen. Ich würde es vermutlich ebenso machen. Es gab allerdings, unabhängig von der Pandemie, eine Entwicklung, die nicht gut für die Theater ist.

Nämlich?

Zu viele Produktionen. Die Theater hätten schon längst auf die Bremse treten müssen. Das wird sich, angereichert mit dem Wissen der Pandemie, neu einpegeln. Kein Theater wird mehr 25 Premieren pro Spielzeit herausbringen.

Wäre es künstlerisch ein Verlust, wenn weniger produziert würde?

Ich finde, es wird zu viel produziert. Nicht hier an der Volksbühne, aber an vielen Häusern. Um an meine eigene Nase zu fassen, mit Armin Petras am Maxim-Gorki-Theater und in Stuttgart haben wir zu viel und zu schnell produziert. Aber das haben wir uns nicht ausgesucht. Wenn es heißt, wir müssen zwei Millionen an der Kasse einnehmen, müssen wir zwangsläufig mehr produzieren. Das ist etwas, das die Politik vorgibt.

Sie können machen, was Sie wollen, Hauptsache, das Haus ist voll.

Seit vier Jahren geht es den Theatern zumindest in Berlin recht gut. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass zuvor zehn oder fünfzehn Jahre lang der künstlerische Etat immer weiter abgeschmolzen wurde, weil die Tariferhöhungen damit aufgefangen werden mussten. Damit hat sich der Druck erhöht, diese Einbußen mit Gastspielreisen oder einer höheren Zahl an Premieren und Vorstellungen auszugleichen. Ich warne aber auch: Eine Reduzierung der Premieren hat Auswirkungen auf die Künstlerinnen und Künstler und übrigens auch auf den Kulturjournalismus. Da kann man nicht so einfach den Stecker ziehen, das System ist komplex.

Werden sich die Folgen der Pandemie mittelfristig wieder einrenken?

Ich glaube kaum, dass das ohne Verluste geht. Es gibt inzwischen zwei Abschlussjahrgänge in den Schauspielschulen, die in den Startlöchern stehen. Und auch da gilt: Wer nichts zeigen kann, bekommt kein Engagement. Meine Prognose für die nächsten Jahre ist nicht besonders positiv. Ich befürchte, dass sich ein Fünftel der Theaterschaffenden eine neue Arbeit suchen muss. Aktuell diskutierte Ansätze wie das bedingungslose Grundeinkommen müssen daher dringend weitergedacht werden.

Werden Theater und Kultur nach der Pandemie geringer geschätzt als zuvor? Während der Pandemie wurde schon klar, dass die Politik die Kultur nicht sehr weit oben auf der Prioritätenliste hat. So etwas wirkt sich auch auf die Bereitschaft der Steuerzahler aus, für sie aufzukommen.

Kultursenator Klaus Lederer und Kulturstaatsministerin Monika Grütters geben sich größte Mühe, dass wir im Konzert der Interessen vorkommen. Es ist wichtig, die Interessen nicht gegeneinander auszuspielen, deswegen haben wir eine integrative Initiative und den Leitfaden „Rückkehr von Zuschauern in Sport und Kultur“ sehr aktiv unterstützt. Dass wir gleichzeitig mit § 5.3 „Freiheit von Kunst, Forschung und Lehre“ durch das Grundgesetz geschützt sind, hat bisher für mich überraschend wenig Anklang gefunden. Die Freiheit der Kunst setzt die Möglichkeit voraus, Kunst auszuüben, das beinhaltet auch die Finanzierung. Wir sind eine der reichsten Gesellschaften weltweit, es ist eine Frage der Verteilung. Da müssen wir es schaffen mitzusprechen.

Hadern Sie mit den Corona-Maßnahmen?

Ich habe in meinem ersten Berufsleben eine Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht. Ich beschäftige mich also nicht erst seit letztem Frühjahr mit Epidemiologie und Infektionslehre. Bis zum Oktober fand ich alle Maßnahmen richtig, den November-Shutdown aber zu unentschlossen. Die Theater sind seit November geschlossen, die Schulen seit Weihnachten so gut wie zu, das ganze Land deutlich heruntergefahren. Wo hat sich das Infektionsgeschehen also abgespielt, das jetzt die Zahlen treibt?

Sind nicht die infektiöseren Mutationen schuld?

Auch die müssen ja irgendwo übertragen werden. Das Robert-Koch-Institut spricht seit Monaten von einem „diffusen Infektionsgeschehen“. Warum gibt es keine konkreteren Untersuchungen, zur Wirtschaft oder dem Nahverkehr zum Beispiel? Das treibt mich um. Ich finde, besser das öffentliche Leben – Theater, Restaurants, Sportplätze – wird mit Hygieneregeln geschützt und entsprechend reduziert und kontrolliert geöffnet, statt dass alles Leben ins unkontrollierbar Private verlegt bleibt.

Aber Sie leugnen nicht die Gefährlichkeit der Pandemie?

Ich bin weit davon entfernt. Wir waren die ersten, die das ganze Theater geschlossen haben, nicht nur, wie zunächst vom Senat gefordert, das große Haus. Mit Spielzeitbeginn hatten wir eine Maskenpflicht auf allen Verkehrswegen des Theaters. Wir haben das Homeoffice früh eingerichtet und weiter qualifiziert. Das öffentliche Leben ist jetzt seit vier Monaten wieder stillgestellt – und trotzdem geht die Inzidenz hoch? Es gibt übrigens nach wie vor keinen einzigen nachgewiesenen Ansteckungsfall, der sich in einem Theater zugetragen hätte. Die Theater sind es also offenbar nicht.

Hadern Sie mit Ihrem Schicksal an diesem Haus? Sie sind als Nachfolger von Chris Dercon in einer Finanzierungs- und Führungskrise angetreten und eine Spielzeit später in die Corona-Krise gerutscht.

Theater ist Krise. Mit diesem Heiner-Müller-Satz lebe ich seit 25 Jahren.