Von den Shoguns lernen: Wenn die Kacke in der Hirnwaschanlage dampft

In dem temporären Umerziehungspark „ReEDOcate ME!“ lernt man, dass Verzicht und Beschränkung Glück und Labsal sind. Inspiration kommt aus der Geschichte Japans.

Christian Tschirner und Aljoscha Begrich vertreten bei der Führung für die Berliner Zeitung das künstlerische Team von „ReEDOcate ME!“
Christian Tschirner und Aljoscha Begrich vertreten bei der Führung für die Berliner Zeitung das künstlerische Team von „ReEDOcate ME!“Emmanuele Contini

Achtung, Achtung! Kulturfritzen legen mit Staatsknete ein ökologisches Umerziehungslager an! Wenn das mal nicht die AfD erfährt... Denn so falsch ist damit gar nicht zusammengefasst, was das künstlerische Team von „ReEDOcate ME!“ angezettelt hat. Man muss nur die Grundabmachung von Kunst weglassen, nämlich so tun, als wüsste man nicht, dass es ein Spiel ist. Ein Spiel mit Begriffen, mit Ideen, mit Gedanken, mit Zumutungen – und mit dem Ernst des Lebens.

Das O in „reedocate“ (statt reeducate = umerziehen) ist Absicht, es gehört zu Edo und verweist auf die 250-jährige japanische Periode, die als ein gelungenes Beispiel für eine Wirtschaft ohne äußere Energie- und Ressourcenzufuhr herangezogen wird. Wir wissen, dass wir schnell zu einer solchen Wirtschaftsform finden müssen, damit uns der Planet als Lebensraum erhalten bleibt. Wir wissen auch, dass unser demokratisches System zu träge ist, um die Gesellschaft davon abzuhalten, sich von diesem Wissen unbeirrt weiter in ihren Untergang zu bewegen. Verzicht und Limitation werden gegen den Willen der Menschen nicht durchzusetzen sein. Sie müssen es also wollen.

Wenn das Spiel in die Dystopie kippt

Deshalb haben der Dramaturg und Festivalmacher Aljoscha Begrich, der uns zuletzt beim Festival „OSTEN“ im Bitterfelder Kulturpalast begegnet ist, der Regisseur und ehemalige Schaubühne-Chefdramaturg Christian Tschirner, der Architekturprofessor Benjamin Foerster-Baldenius und die Dramaturgin und Kuratorin Makiko Yamagucchi eine Hirnwaschanlage konzipiert. Ah! Bei dem Wort „Hirnwaschanlage“ beginnen dem Berichterstatter sofort die überflüssigen Gedanken im Schädel zu jucken. Er spürt förmlich, wie rotierende Borsten den Dreck aus den Furchen kratzen, der dann von wohltemperierter Seifenlauge weggeschäumt wird, bevor die Trockendüse und Polierschwämme zum Einsatz kommen und alles wieder schön glänzt. Aber natürlich ist „Brainwashing“ mehr als ein Spa-Angebot für abgelenkte Dramaturgen und Kulturjournalisten. Das Stichwort berührt eine empfindliche Stelle, bei der das Spiel in eine Dystopie kippt – und interessant wird.

Der umzäunte Umerziehungsgelände, genannt: „postfossiler Themenpark“, befindet sich im Regenrückhaltebecken des Tempelhofer Flughafens, wo die Floating University ihren Sitz hat, noch so ein Projekt des 2019 mit dem Goldenen Löwen von Venedig geehrten Architekten-Künstler-Performer-Knäuels Raumlabor um Foerster-Baldenius. Das Publikum wird einem straffen Programm unterzogen und in Zwölfergruppen aufgeteilt. Am Eingang muss man sein Telefon abgeben und durchläuft einen fünfstündigen Parcours. Zwanzig Künstlerinnen und Künstler bieten Lectures, Workshops und andere künstlerische Unterweisungen und Exerzitien an. Man kann aus abgeholzten Stadtbäumen Getas, das sind japanische Holz-Flipflops mit sehr hohen Sohlen, schnitzen und diese in Choreografien ausprobieren; man erhält die Möglichkeit, in Christophe Meierhans’ Melete-Thanatou-Meditation seine Klimadepression durchzuarbeiten; die Schauspielerin Maike Knirsch wird sich in einem von Tschechow inspirierten Monolog von Toshiki Okada statt mit einer Möwe mit einem sterbenden Wal identifizieren.

In der Sauna kann man sich aufwärmen und sich bei einer Pause vom lehrstoffreichen Programm erholen.
In der Sauna kann man sich aufwärmen und sich bei einer Pause vom lehrstoffreichen Programm erholen.Emmanuele Contini

Das Programm ist straff, es findet in der Herbstkühle unter freiem, hoffentlich nicht allzu feuchtem Himmel statt, aber niemand wird zu etwas gezwungen. Wer sich wie einst in der Schule mal verdrücken will, kann sich im Onsen (japanisch für „heiße Quelle“), in der Sauna oder mit Fußbädern aufwärmen – bitte warme Kleidung UND Badesachen mitbringen. Man darf sogar vorzeitig gehen, aber wer das Programm vollständig absolviert, bekommt sein Eintrittsgeld (22, ermäßigt 11 Euro) zurück. Das Telefon wird übrigens auch zurückgegeben, allerdings eingenäht und mithin symbolisch unbrauchbar gemacht. Ja, das Smartphone, ein Artefakt der Moderne, ein Symbol des Fortschritts. Wie auch das Wasserklosett.

Was müssen das für virtuose Lobbyisten gewesen sein, die die Entscheider und Politiker Mitte des 19. Jahrhunderts von ihrer Schnapsidee überzeugt haben, eine Infrastruktur für Wasserklosetts zu errichten! Diese Ikone der Moderne und des Fortschritts ist, zumindest nach Meinung von Aljoscha Begrich und Christian Tschirner, vielleicht doch eher ein Symbol der Dummheit und der Verschwendungssucht.

Auf welchen Irrweg hat uns dieser kurzsichtige Hygienefimmel gebracht? Abwassersysteme im Ausmaß ganzer unterirdischer Städte wurden errichtet, damit die Einwohner diesen nährstoffreichen Dünger einfach wegspülen, und dies auch noch mit der ebenfalls wertvollen Ressource Trinkwasser. Sieht denn keiner, wie abwegig das ist? Und wie schlecht es funktioniert? Wenn zum Beispiel zu wenig Regen fällt und die Wasserwerke die überdimensionierte Kanalisation durchspülen müssen? Regnet es zu viel, dann fließen die Fäkalien in die Spree über, wo sie das Flusswasser vergiften. Und doch hat sich dieser im Wasserklosett manifestierte Wahn in den Köpfen verankert, und es wird noch virtuosere Lobbyisten brauchen, um die Menschen von diesem Gedanken wieder zu befreien.

Christian Tschirner
Christian TschirnerEmmanuele Contini

Wir haben uns mit Begrich und Tschirner auf dem Festivalgelände getroffen und führen ein sehr inspirierendes und inhaltsreiches Gespräch über Kacke. Der Gesprächsgegenstand führt uns leitmotivisch durch das thematische Gefüge. In seiner Grundidee will sich das Festival auf die Blütezeit der einstmals größten Stadt der Welt besinnen, auf das japanische Edo, heute Tokio. Im 17. Jahrhundert isolierte sich Japan vom Rest der Welt, nachdem ein paar christliche Bauern sich gegen einen regionalen Fürsten erhoben hatten. Auch sonst gab es ringsum genug Beispiele dafür, dass man sich von Missionaren und Händlern lieber abschotten sollte. Edo erholte sich von einem Bürgerkrieg und wuchs, die Wälder wurden abgeholzt, es folgten klimatische Veränderungen, die Böden erodierten, verloren an Fruchtbarkeit, es kam zu Hungersnöten und durch den Mangel an Feuerholz zur Energiekrise.

Vielleicht wäre das einfach so weitergegangen, bis der letzte Japaner verhungert wäre. Doch dann setzte die Monarchie kraft ihrer diktatorischen Macht drastische ordnungspolitische Maßnahmen um, die deutlich über einen Veggieday in öffentlichen Kantinen oder ein Tempolimit auf Autobahnen hinausgingen. Die Shoguns von Edo führten unter anderem eine restriktive Geburtenkontrolle ein, begrenzten den Wohnraum und limitierten das Feuerholz.

Sushi, Kimono und Kacke-Krieg

Die Not war so groß, dass, wir kommen auf unser Leitmotiv zurück, sogar mit den menschlichen Fäkalien gehandelt wurde, die dringend als Dünger gebraucht wurden. Tierischer Dung war selten, weil die Aufzucht und Haltung von Vieh viel zu ineffektiv für die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrung ist. Funfact: Je reicher ein Haushalt war, desto besser war die Ernährung, desto inhaltsreicher gerieten die Fäkalien und konnten umso teurer gehandelt werden – ein weiteres Beispiel dafür, wohin der Teufel eben scheißt, nämlich auf den größten Haufen. Die menschliche Kacke wurde aufgefangen, aufbewahrt und, wenn sie nicht bewacht wurde, geklaut; es wurden sogar Kacke-Kriege geführt. Und wir spülen heute unsere Nuggets einfach weg!

Von dieser Aufwertung durch eine Sparmaßnahme ist nicht viel bei uns angekommen im Gegensatz zu anderen Phänomenen, die in Europa schick geworden sind und die wir mit Japan verbinden. Sie stammen allesamt aus jener Edo-Zeit. Der Kimono, ein Kleidungsstück, das aus einer geraden Stoffbahn besteht und keinen Verschnitt verursacht. Außerdem kann man ihn von der Wiege bis zur Bahre tragen, indem man ihn auffaltet und anpasst. Oder Sushi, für das man nur einmal in der Woche den Reis kochen musste und Holz sparte, auch weil man die Snacks nicht warm zu machen brauchte und den Fisch so roh verarbeitete, wie er aus dem Meer kam. Oder die Papierwand-Architektur, die aus Holzmangel entstanden ist. Überhaupt die sparsamen Interieurs, die spätestens seit Gropius im Westen zum bis heute anhaltenden Trend wurden, man denke an die Magic-Cleaning-Workshops nach der KonMari-Methode.

Aljoscha Begrich
Aljoscha BegrichEmmanuele Contini

Japan blühte kulturell auf unter der monarchistischen Ökodiktatur: Die uns heute bekannten Theaterformen wie Kabuki und No, ebenso Buchdruck und Kalligrafie wurden erfunden oder virtuos ausdifferenziert. Was man stattdessen verbot, waren solche sinnlosen Innovationen wie Feuerwaffen. Als dann 1854 die „vier schwarzen Schiffe“, namentlich die Mississippi, Plymouth, Saratoga und Susquehanna unter dem Kommando des US-amerikanischen Seeoffiziers Matthew Perry eintrafen und den Schogun mit einer krachenden Salve von der Unterzeichnung eines Friedensvertrages überzeugten, das heißt zur Öffnung der Häfen zwangen, weckte dieser kanonenbootpolitische Schuss die Japaner aus ihrem Edo-Schlaf, ließ sie in einen galoppierenden Modernisierungswahn verfallen und binnen Kurzem zu einer imperialistischen Kolonialmacht werden, um den explodierenden Rohstoff- und Energiebedarf zu decken.

Begrich und Tschirner sind keine Historiker und wollen die weltabgewandte Zentralmacht von Edo, auf die sich in Japan heute auch rechtsradikale regressive Mutterboden-Ideologen berufen, gar nicht bewerten. Der springende Punkt ist, dass eine Gesellschaft am Abgrund, kurz vor der Erschöpfung der Ressourcen, die Kurve noch einmal gekriegt hat. Dass aus den heute negativ besetzten Begriffen wie Verzicht, Reduktion, Limitation, ja, auch Verbot und Beschränkung eine kulturelle und wirtschaftliche Blütezeit entstanden ist.

Tempolimit für den Kulturbetrieb!

Und heute? Christian Tschirner hat von einem Nachhaltigkeitsworkshop noch ein paar Zahlen parat: Die Schaubühne zum Beispiel hinterlasse durch ihre vielen erfolgreichen Gastspielreisen durch die ganze Welt einen fetten Kohlendioxyd-Fußabdruck von ungefähr 1500 Tonnen. Um diesen für einen Zeitraum von 1000 Jahren zu kompensieren, bräuchte man nur ein Jahr lang ein Tempolimit von 130 Kilometern pro Stunde einzuhalten. Bei Tempo 100 würde man 5,4 Millionen Tonnen einsparen und hätte innerhalb eines Jahres vermutlich den CO₂-Ausstoß aller Kulturinstitutionen dieses Landes für ein Jahrzehnt kompensiert – wobei die Stiftung Preußischer Kulturbesitz allein schon 30.000 Tonnen ausstößt.

Selbst dürfen die Kulturinstitutionen keine Mittel aus dem künstlerischen Etat zur CO₂-Kompensation aufwenden, schließlich ist es verboten, öffentliche Gelder für irgendwelche Zwecke zu spenden. Um dies zu umgehen und auch, um ihren eigenen Festivalfußabdruck zu verwischen, haben die Reedocater einen „Wald des schlechten Gewissens“ konzipiert, die Kompensation zu Kunst erklärt und gelernt: Aus 1000 zertifizierten Baumsamen sind 100 Sprösslinge angewachsen, von denen vielleicht zehn die nächsten drei Jahre überleben. Man braucht einen Baum, der zwanzig Jahre wächst, damit er eine Tonne CO₂ speichert. Das Festival hat in einem komplizierten Verfahren ausgerechnet, dass es sechs Bäume groß kriegen und pflegen muss. Weil es sich beim „Wald des schlechten Gewissens“ um ein Kunstprojekt handelt, dürfen sich auch andere Kulturinstitutionen als Koproduzenten finanziell beteiligen. Der Wald wächst auf den von dem preußischen Stadtplaner James Friedrich Ludolf Hobrecht geplanten und nach ihm benannten Rieselfeldern im Nordosten von Berlin, wo die DDR bis zur Wende nicht nur die Kacke der Städter, sondern auch ihre Industrieabwässer verklappte.

„Wald des schlechten Gewissens“: Aufgezogen in der Floating University, wird er bald zur Aufforstung der vergifteten Rieselfelder im Norden Berlins verwendet.
„Wald des schlechten Gewissens“: Aufgezogen in der Floating University, wird er bald zur Aufforstung der vergifteten Rieselfelder im Norden Berlins verwendet.Emmanuele Contini

Ah, da ist ja wieder unser Lieblingsthema. Gedüngt werden die Sprösslinge mit dem Kot der Festivalbesucher. In einer von der Künstlerin Ella Ziegler eigens errichteten Sanitäranlage dürfen Sie auf einen goldenen Teller defäkieren, das Produkt ein paar Schritte zur Veredlungsanlage bringen, wo es unter Sauerstoffabschluss zu einem hygienischen Substrat verköhlert wird, das nicht nur sehr gut Nährstoffe, sondern auch Wasser und Bakterienstämme speichern könne. Als die beiden davon sprechen, dem Berichterstatter die Sache mal vorzuführen, verabschiedet er sich überstürzt, um die Botschaft zu verkünden und seiner Leserschaft den Besuch der Hirnwaschanlage nachdringlich zu empfehlen.

ReEDOcate ME! ein postfossiler Themenpark. Führungen à fünf Stunden am 14. und 21. Oktober jeweils um 14/15/16 Uhr und am 15., 16., 22., 23. Oktober jeweils 11/12/13 Uhr. Karten kann man auf pretix.eu buchen. Weitere Informationen gibt es unter reedocate-me.com