Berlin - Wenn ich ... So fingen viele Artikel von Ernst Schumacher an und ich tue es ihm hier gleich: Wenn ich mir manchmal Gedanken um die Zukunft der Welt, also des Kulturjournalismus, also der Theaterkritik mache und sich rätselhafterweise trotz der Digitalität mit ihren vielen smarten, distributionstechnologischen Lösungsangeboten und KI-gesteuerten Relevanzgeneratoren ein allgemeiner pessimistischer Hang andeuten möchte, hilft ein orientierender und stets das Herz verjüngender Blick in die Vergangenheit. Konkret auf die Herangehensweise, das Selbstbewusstsein und den Schwung von einem meiner Vorgänger in diesem Blatt, dem 2012 gestorbenen Professor, Literaten, Theaterkritiker und Brechtforscher Ernst Schumacher, der heute vor hundert Jahren in dem bayrischen Kirchdorf Urspring geboren wurde, zwischen den Gestaden des Lech und den Ammergauer Alpen.

Ich höre seine knarzende Stimme, sein herzlich meckerndes Kichern und fühle mich unter dichten Augenbrauen hervor angefunkelt. Hat er mich doch oft ertappt, weil ich wieder irgendwelchen Grundsatzzweifeln erlegen war, statt meine Arbeit zu tun, die da wäre: Unbeirrt von aktueller Unbill den Lauf der Welt verbessern, indem ich ins Theater gehe und das Geschehen auf der Bühne mit Leidenschaft und Unbestechlichkeit Maß nehme. Für Ernst Schumacher war das ein Lebensziel, das praktischerweise einen Namen und eine Theorie hatte: Kommunismus. „Kritik ohne Leidenschaft, ohne Mit-Leiden, ohne Mit-Freuen, ohne eigenes Mit-Wollen am Theater, ohne Parteinahme, ohne Kampf ist für einen sozialistischen Theaterkritiker undenkbar“, schrieb er einst, weil er wusste, der Kapitalismus führt eher über kurz als lang zur Selbstzerfleischung der Menschheit. Und weil er glaubte, dass die Menschheit so doof nicht sein kann.

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