Auf dem so aufgeräumten, sauberen, sicheren Platz vor dem Deutschen Theater brennen kleine Kerzen in Papierhüllen. Das Wort „Дети“– (russisch: Kinder) – ist zu lesen. Jenes Wort, das vor und hinter dem Stadttheater von Mariupol in riesigen Buchstaben auf den Platz gemalt worden war, um jedem Bomberpiloten klarzumachen: Achtung, Schutzbunker. Die russische Armee bombardierte trotzdem. Ein lupenreines Kriegsverbrechen.

Aber die Ukraine war und ist nicht nur das Land des Kriegs. Davon berichteten Filme, Lesungen, Konzerte am Sonntagabend in den Kammerspielen, der Bar und der Box des Deutschen Theaters. Eine jener wenigen deutschen Kulturinstitutionen, die nach dem Kriegsbeginn 2014, der Besetzung der Krim und des östlichen Donbass und auch schon vorher den Blick in die Ukraine gerichtet hatten.

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Satellitenaufnahme: Das Theater in Mariupol kurz vor seiner Zerbombung. Mutmaßlich 1000 Menschen hatten hier Zuflucht gesucht. Vor und hinter dem Gebäude ist das Wort Дети (Kinder) zu erkennen.

Etwa nach Mariupol, das, wie an dem Abend herrlich deutlich wurde, bis zum Angriff Russlands eben keine verschlafene Stadt am Ostrand war, sondern eine blühende, lebendige, widersprüchliche, kreative Metropole zwischen dem Salzgeruch des Meers und dem Graphitgeruch der riesigen Stahlwerke, die gerade von der russischen Armee zu Schrott geschossen werden. Eine Stadt mit feinen Parkanlagen, Off-Kultur und geradezu wütend-lebendigen Theatern, avantgardistisch-spritzig, verspielt, mal angesichts der seit 2014 dauernden Bedrohung durch russische Raketen und Granaten unglaublich lustig, aber auch melancholisch, den Frieden ersehnend. Begleitet von den großartigen Blitzzeichnungen der Animationskünstlerin Sofiia Melnyk zeigten Filme von Madleine Bongart aus Genf und Josie Dale-Jones aus London, wie über alle Sprachgrenzen hinweg das Theater die Menschen zusammenbringen kann, wie es auch zur Selbsttherapie tief traumatisierter Kinder dient, die mit der dauernden Kriegsgefahr aufgewachsen sind und die erzählen, wie toll es gewesen sei, durch Mariupol zu gehen, zu shoppen, die Menschen kennenzulernen, das Meer und den Stahl zu riechen.

Andrii Palatnyi vom Gogol-Festival aus Kiew machte klar: Das ist keine Ausnahme, das ist das, was die moderne Ukraine heute ausmacht. Aber Anton Telbizow vom Mariupoler Theater Teatromania – eine fast irre Konstruktion aus höchst wacklig erscheinenden Stahltreppen im Hof eines einstigen Hotels – machte auch klar, was derzeit auf dem Spiel steht, wie hilflos nicht nur er ist: Wie geht es seinen Freunden, seinen Schauspielern derzeit? Leben sie noch? Es war die Frage, die man sich im sicheren Saal der Kammerspiele den ganzen Abend beim Anblick all dieser herrlich lebensvollen Filme stellte.