Woher kommt die schiere Lust auf Gewalt? „Clockwork Orange“ im BE

Tilo Nest ist Schauspieler und Mitglied des Berliner Ensembles, nun hat er mit Schauspielstudenten „Clockwork Orange“ im Neuen Haus inszeniert.

Schauspielstudenten von der Ernst-Busch-Schule spielen im Berliner Ensemble „Clockwork Orange“.
Schauspielstudenten von der Ernst-Busch-Schule spielen im Berliner Ensemble „Clockwork Orange“.Moritz Haase

Halb Deutschland reibt sich noch die Augen über die gewaltseligen Silvesterfeiern auf Berliner Straßen, da kommt so ein Stück wie Anthony Burgess’ „Clockwork Orange“, das am Wochenende im Neuen Haus des Berliner Ensembles Premiere feierte, wie gerufen. Woher kommt die schiere Lust auf Gewalt, die Freude an Attacken auf Wehrlose? Der 15-jährige Bandenboss Alex, ein Kenner und Verehrer klassischer Musik und auch sonst nicht auf den Kopf gefallen, weiß es zwar auch nicht, aber er weiß, dass er jede Sekunde genießt, wenn er einem alten Mann die Zähne ausschlägt, einen Obdachlosen quält oder ein Mädchen vergewaltigt.

Von der Freiheit, böse zu sein

„Vergewohltätigt“ heißt das in seinem verniedlichenden Gang-Slang „Nadsat“, mit dem er und seine Jungs, die „Droogies“, sich die Welt unterwerfen und ihr eigene Kategorien von „gut“ und „böse“ aufdrücken. Eigentlich gibt es in Alex’ Reich nur die Lust, „Selbst“ zu sein, woher das auch immer kommen mag: aus dem eigenen Innern oder von oben, vom alten „bog“ (Gott) her. Nur aus einer Richtung kommt es sicher nicht: vom Staat oder der Schule, die keine „Selbste“ wollen, nur satte Bürger.

So jedenfalls sinniert Alex, als er wieder mal die Schule schwänzt und sehr bald wird er genau das auch spüren. Denn die Polizei wird ihn durch eine brandneue „Rezivilisierungsmethode“ zu einer gewaltfreien, automatisch „guten“ Kreatur umkonditionieren. Senkung der Kriminalitätsrate, Entlastung der Strafanstalten, beste Sozialstatistiken – was will ein Staat mehr? Nur ist ein Mensch, der sich nicht mehr frei entscheiden kann, auch nicht zum Bösen, eben kein Mensch mehr, sondern eine Maschine.

Burgess dystopischer Kultroman von 1962 und Stanley Kubricks Verfilmung zehn Jahre später stellen zuallererst existenzielle Fragen, keine politischen oder soziologischen, was ihn dann doch auch ein bisschen einseitig und unzeitgemäß macht. Aber die Grundfrage bleibt, und ein beherzt interpretatorischer Zugriff könnte ein Stück der Stunde daraus machen. Inhaltliches Eingreifen aber ist Tilo Nests Sache nicht. Selbst Schauspieler am BE, hat er zusammen mit fünf spielfreudigen „Ernst Busch“-Studenten nun als Regisseur eine zumindest formal äußerst gewitzte Fassung auf die Bühne gebracht.

Das Licht im weißen Bühnenlabor wechselt von giftgrün über blutrot zu krankblau, und die fünf böslustigen Harlekine mit verschmiertem Joker-Face verknäulen sich auf der Drehscheibe zu einem Virus des Bösen. Choreografisch-chorisch ist das bildstark, besonders die Gewaltszenen, in denen riesige Gummireifen malträtiert werden, die zugleich auch Gummizellen sind. Hier gibt es keine Individuen, keine klaren Fronten, nur Alexe, die mal in die Rolle des Opfers, mal in die des Polizisten, Arztes oder Priesters schlüpfen. Die Gewalt setzt sich fort, nur in anderem Licht.

Clockwork Orange. 16., 26., 27. Jan., 20 Uhr im Berliner Ensemble (Neues Haus), Karten und Informationen unter Tel.: 28 40 81 55 oder www.berliner-ensemble.de