Den täglichen Kampf hat Samuel Camus gewonnen. Er verbeugt sich mit den sechs Kollegen vor dem applaudierenden Publikum. Sein Duc Orlando, der gerade eineinhalb Stunden lang eine neue Welt des flüchtigen Vergnügens und der Konsumillusionen angepriesen hat, ist angekommen. Die Mischung aus Commedia dell’arte, einer Prise Hiphop und menschlichen Beatbox-Effekten hat das Théâtre Golovine mit seinen 145 Plätzen zum siebten Mal in Folge beim Festival von Avignon, das nach drei Wochen am Sonntag endet, ausverkauft.

Dabei musste Samuel Camus täglich mit über 1300 Produktionen konkurrieren. Davon gut 40 aus dem offiziellen Programm und der überwiegende Rest wie Camus’ „Les Irrévérencieux“ (Die Respektlosen) im Off-Programm. Die Bühnen sind über die mittelalterliche Provence-Stadt verteilt – von der Oper am Place de l'Horloge bis zu Schulhöfen und Kleinstbühnen vor 50 Zuschauern.

Dann macht Camus mitten im Beifall ernst. Als Zugabe gönnt er sich einen Appell. Der schmächtige blonde Mann holt sein Publikum mit einem dreiminütigen Monolog aus der Welt der Gaukler in sein Frankreich der Gegenwart zurück. „Wir kämpfen um unsere Existenz“, sagt Camus, „Der Staat will uns die Leistungen kürzen, die für uns Grundlage unseres Kulturschaffens sind. Was wir bisher hatten ist ein großes Glück, weil es uns ermöglicht, von unserer Arbeit zu leben. Nun ist alles in Gefahr.“

Frankreichs Künstler, die fast nie in Ensembles angestellt sind, verteidigen die Errungenschaften ihrer geringfügig Beschäftigten. Die Rechte dieser „Intermittents“, die sich von Minijob zu Minijob hangeln, wurden im Juni beschränkt. Sie sollen zwei Prozent mehr Arbeitslosenversicherung bezahlen und länger arbeiten, um Sozialleistungen zu kommen: 507 Stunden mindestens, zehneinhalb Monate pro Jahr. Dann will der Staat weiterhin ihren Lebensunterhalt sichern helfen.

Um die Etatrichtlinien der EU zu wahren, muss Frankreich binnen drei Jahren 54 Milliarden Euro sparen. Die Einschnitte beim Kulturprekariat sollen 150 Millionen Euro beisteuern. Klar ist, dass mit dem Status der Intermittents Missbrauch betrieben wird: Seit Produktionsfirmen die Chance erkannt haben, Ausgaben auf den Staat abzuschieben, hat sich die Zahl der Intermittents binnen zehn Jahren durch die großzügige Integration von Handwerkern oder Sekretärinnen auf 254 000 verzweieinhalbfacht. Künstler wie Camus leben auf der Basis von Kurz-Engagements: „Im Jahr habe ich etwa 70 Eintagesverträge, Proben und ähnliches werden nicht bezahlt.“

Größtes Theaterfestival der Welt

Avignon ist mit seinem größten Theaterfestival der Welt mitten in den Konflikt geschlittert. Den Ritt auf der Rasierklinge kennt die arme 90. 000-Einwohnerstadt. 2003 musste das ganze Festival wegen eines Streiks abgesagt werden. Für die zwei Millionen Euro Ausfall im Budget haftete damals noch der Staat, das örtliche Tourismusgewerbe beklagte einen Schaden von 23 Millionen Euro. Als in diesem Frühjahr bei den Kommunalwahlen die extreme Rechte drauf und dran war, das Rathaus zu erobern, drohte Festivalchef Olivier Py mit dem Abzug des Spektakels. „Avignon, das ist eine bestimmte Vorstellung von Demokratie“, sagt er, „es gibt keinen anderen Ort, der das Theater so verteidigt hat.“ Keiner weiß besser wie politisch Kultur ist: 2007 ergatterte Py, der schon an der Volksbühne inszeniert hat, auf Geheiß der früheren Staatspräsidentengattin Bernadette Chirac die Intendanz des staatlichen Pariser Théâtre National de l’Odéon, um sie vier Jahre später in der Sarkozy-Administration an Altmeister Luc Bondy zu verlieren und 2013 dafür mit der Festivalleitung in Avignon getröstet zu werden.

Als dort die Sozialistin Cécile Helle die Bürgermeisterwahl gewann, bekam Py eine Gleichgesinnte zur Seite. Helle richtete für die Intermittents in einer Nebenstelle des Rathauses im ersten Stock ein Organisationsbüro ein. Am Place des Carmes hängen nun große Banner. „Ihr Kampf ist berechtigt und ich unterstütze ihn von Beginn an, weil er zum Erhalt der französischen kulturellen Ausnahmestellung und dem Erhalt der Sozialrechte beiträgt“, sagte sie, „ich kann ermessen, was die Intermittents zur Kunst beitragen.“

Dafür haben sich die Künstler brav in Streikverzicht geübt. Am Eröffnungstag sind die Vorstellungen des offiziellen Teils, wo Künstler feste Engagements haben, abgesagt worden. Am 7. Juli sind zehn Prozent, am 12. Juli 13 der 14 Stücke des In-Festivals betroffen gewesen, und am 17. Juli haben 4000 Künstler demonstriert. Die Einnahmeausfälle liegen bei 150.000 Euro. Der Kampf für die soziale Komponente der Marktwirtschaft ist auch in Avignon den Gesetzen eines gewissen Wirtschaftspragmatismus erlegen: Vor allem Künstler mit gesicherten Verträgen im In-Festival haben sich den Luxus Streik erlaubt. Die große Schar der Intermittents aus den Off-Vorstellungen hat sich auf die unmittelbare Sicherung des Lebensunterhalts konzentriert.

Wenn sie nicht gerade spielten, marschierten sie kostümiert durch die charmante frühere Papststadt mit der berühmten halben Brücke über die Rhône, um statt für politische Ziele Handzettel für ihre Vorstellungen zu verteilen. „Wir würden viel Geld verlieren und können uns daher nicht leisten, nicht aufzutreten“, sagt der Musiker François Mosnier, der im Zweipersonenstück „Tu me manques“ auftrat. 4 000 Euro Miete kostete sein Théâtre de L’Isle mit 49 Plätzen. Wird im offiziellen Festival das Budget von 12,8 Millionen Euro − 6,6 Millionen Euro für Künstler − verteilt auf Produktionen von Giorgio Barberio Corsetti, der aus Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ ein Zweieinhalb-Stunden-Drama über Krieg und Liebe gemacht hat, oder Thomas Ostermeier, der „Die Ehe der Maria Braun“ inszeniert hat, funktioniert das Off-Festival als Messe. Künstler treten in Vorlage mit der Hoffnung, die Kosten in Avignon einzuspielen und später zu verdienen − wenn sie für die nächste Saison eingekauft zu werden.

Als der deutsche Kabarettist Thomas Pigor mit seinem französischen Programm „Pigor chante“ 2006 in Avignon auftrat, kostete der kleine Raum 3 500 Euro. Pigor erntete später den Lohn: Er wurde mit 15 Vorstellungen in ganz Frankreich gebucht. Die Gruppe von Samuel Camus ist mit knapp 20 Leuten angereist. Die Kosten liegen bei 80.000 Euro. „Viele“, sagt er, „kommen aus Avignon mit einem großen Loch im Etat zurück.“