Berlin - Aber es ist doch alles ganz einfach. Ottokar liebt Agnes, und Agnes Ottokar. Sie wissen’s längst. Nur, wie sprechen von der Liebe? Ach! Da sitzen sie nun im Lagerfeuerschein. Sie sucht sich durch Keckheit zu schützen, er verwuschelt sich die Haare. „Ja, willst Du’s?“ Er steht oben im Flammenschein, sie atmet schwer aus dem Parkettdunkel heraus: „Was meinst Du?“ Ja was: „Mit mir leben? Fest an mir halten?“ Und ob sie das will: „Ganz Deine, in der grenzenlosesten Bedeutung.“

Und wenn sie sich danach berühren, mit den Fingerspitzen nur, macht’s „brrscht“, als stießen zwei Hochstromkabel aneinander. Umarmung dann, Küsse, Bisse auch. So einfach ist das mit der Liebe. So einfach ist das natürlich nicht. Denn Agnes und Ottokar sind die Kinder verfeindeter Clans. Ihr Lieben darf nicht sein, weil diese Liebe Gräben überspringt. Sie wollen’s dennoch unbedingt, die Eltern aber sind in unbedingtem Hass vereint. Aus diesem Unbedingtheitsknäuel ist kein Entkommen: Agnes tot, Ottokar tot, die Liebe tot – das ist das Ende dieser Geschichte, die Kleist in schräger Anlehnung an „Romeo und Julia“ mit seinem Debütstück „Die Familie Schroffenstein“ erzählt.

Dass die Familien sich bei ihm zuletzt versöhnen – nichts als eine bitterironische, fast zynische Pointe. Bei dem jungen, bestürzend hochbegabten Regisseur Antú Romero Nunes fällt die Versöhnung aus. Agnes und Ottokar sind sterbensschön zu zwei Seiten des drehbaren Gerüstportals hingebettet, sie in seinen Lochpulli gekleidet, er steckt in ihrem Kurzspitzenkleidchen; und die Hinterbliebenen stehen stumm vor dieser Konsequenz ihres Tuns. Lauter Zerrissene, mit sich selbst Unversöhnte, also Unglückliche. Das Glück ist hier bei den Gestorbenen, der Friede liegt im Tod. Kann schon sein, dass das gut kleistisch gedacht ist. Kann auch sein, dass der Regieentschluss, die beiden Eltern in jeweils eine Figur zusammenziehen den Zerrissenheitsgrad dieser Figuren erhöht.

Vom Giftton ins Hysterieschreien

Aber es verführt Hilke Altefrohne und Ronald Kukulies zu einem Doppelfigurenspiel, das seine Deutungsabsichten immerfort wie heiße Kartoffeln vor sich herschubst. Kukulies rumpelt zwischen den Figuren hin und her, als gehe es mit dem Traktor über Seelenäcker; und sie fällt vom Giftton ins Hysterieschreien, als stünde ihre Doppelmutterrolle unter dauernder Peitschenhiebandrohung. Nuancen, schauspielerische Luft für Zwischen- und Sondertöne sind so kaum möglich.