Berlin - Um seine Premiere von Georg Büchners „Dantons Tod“ hochzurummeln, ließ sich Claus Peymann, Direktor des Berliner Ensembles, für eine Zeitung als Titelfigur verkleiden: nicht als Tod, sondern als Revolutionsführer  − mit gefüttertem Molton-Poncho und Zweispitz samt Trikolore-Federbusch.

Der 74-Jährige hat sich in lang vergangenen Zeiten bei Altersgenossen und Nachfolgenden Respekt für seine Aufmüpfigkeit verdient, dafür, dass er mit Peter Zadek und Peter Stein die Institutionen der Väter okkupierte, das Theater politisierte, erfrischte  und auf diese Weise ein bisschen mitfeudelte an der geistigen Hygiene in der Bundesrepublik.

Wie gesagt, lange her; heute: ein Hampelmann des Boulevard. Doch, still. Wer nicht brav sei, so Peymann in der B.Z., werde geköpft. „Das gilt auch für Theaterkritiker“. 

Hm und nochmal hm

Vielen Dank für die Vorlage. Dies also ist der Versuch, brav über einen Theaterabend zu berichten. Brav − nicht im Sinne von (engl.) brave, also tapfer, sondern im Sinne von artig. Artig − nicht im Sinne von (engl.) art, also Kunst, sondern von lieb. Lieb − nicht im Sinne von (dt.) Liebe, sondern im Sinne von: ohne hemmungslose und beleidigende Hassausbrüche. Hm. Schwierig, aber nicht unmöglich; es ging ja schon bei früheren Peymann-Inszenierungen. Und war es denn diesmal wirklich so schlimm?   Nochmal hm. Es gab schon schlimmere Peymann-Inszenierungen.

Büchner war 21 Jahre alt, als er „Dantons Tod“ schrieb, sein erstes Drama. Nach zwei Jahren Medizin-Studium in Straßburg musste er zurück ins reaktionäre Großherzogtum Hessen-Darmstadt, fort von seiner Braut Wilhelmine Jaeglé. Seit seiner revolutionären Flugschrift „Der hessische Landbote“ („Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“) hatten ihn die Behörden im Visier.

Er verkroch sich bei seinen Eltern in Darmstadt; im Labor seines Vaters lernte er für das Examen, das heißt, er betrieb politische Untergrundarbeit und Studien zur französischen Revolution, schrieb in fünf Wochen  das Danton-Drama herunter und hielt stets anatomische Tafeln bereit, die er über seinen Schriften ausbreitete, falls jemand ins Labor kam. Im Garten stand eine Fluchtleiter bereit. Zwei Jahre später, denen Büchner sein literarisches Gesamtwerk und seine wissenschaftliche Karriere abgewann, starb er.

Geschichtsdramatisches Monstrum

„Dantons Tod“ ist ein geschichtsdramatisches Monstrum und galt lange als unspielbar, weil es sich über die herkömmlichen dramatischen Gesetze hinwegsetzte. Es beginnt am 24. März 1793, an dem Tag, als der Tugend-Tyrann Robespierre die linksradikalen, atheistischen und anarchistischen Hérbertisten hinrichten ließ. Nun kommen die Rechtsabweichler an die Reihe, das heißt die Gemäßigten um Danton. Keine zwei Wochen später rollt auch dessen Kopf.

Viele Tote, viele Reden, wenig Handlung. Aber jeder Disput, jedes Lamento, jeder Traumbericht und jedes Abschiedswort ist auch ein Steinbruch an existenziellen Themen und an heiß-kalten gesellschaftlichen Fragen. Die Spannung Büchners zwischen abgrundtiefem Geschichtsfatalismus und der selbstverständlichen Bereitschaft, die Welt zu verbessern,  also zu revolutionieren, hält das bersten wollende Stück zusammen.

Danton ist allerdings eine halbe Runde weiter, er hat schon gehandelt und knabbert nun an Schuldkomplexen − er war Justizminister, als bei den Septembermorden 1792  über tausend  Adlige, Geistliche und Royalisten in den Pariser Gefängnissen massakriert wurden.

Hier seine in die Bodenlosigkeit kippende Allmachtsfantasie: „Unter mir keuchte die Erdkugel in ihrem Schwung, ich hatte sie wie ein wildes Ross gepackt, mit riesigen Gliedern wühlt’ ich in ihrer Mähne und presst’ ich ihre Rippen, das Haupt abwärts gebückt, die Haare flatternd über dem Abgrund. So ward ich geschleift.“

Wir haben ja nun die Republik schon eine Weile. Aber die Welt ist eher nicht besser oder weniger veränderbar geworden. Es gilt weiter: Handeln und Fehlen oder in Fatalismus verharren. Man könnte und müsste auch heute darüber in seelische Not geraten.

Umso gestriger und tattriger sind die Theatermittel von Peymann. Danton (Ulrich Brandhoff) und seine Leute sind in Weiß, Robbespierre (Veit Schubert) und Co. in Schwarz gekleidet; blass geschminkt sind sie alle. Außer die Säufer, die haben rote Nasen und einen ausgestopften Bauch, und die Huren, die haben rote Bäckchen und einen ausgestopften Hintern. 

Kein echter Ton

Weite Strecken auf der schiefen, wandelbaren, graphischen Bühne von Karl-Ernst Herrmann blubbern und rattern die Textverarbeitungs-  und -absonderungsprogramme der Protagonisten vor sich hin; die Registratur geht von Brüll-Kasper über Rhetorik-Crack bis Gefühlsdusel-Arie. Wie immer kommen auch ausgenudelte Altherrengeilheit, Alkohohohol-Humor und längst vertraut gewordene Verfremdungseffekte zum Einsatz. Requisiten werden nicht  einfach verwendet, sondern stets als Zeichen vorgeführt.

Es gibt keinen einzigen glaubwürdigen Ton zu hören, der nicht irgendwie ausgedacht, angefertigt und abgespielt klingen würde. Gehen, Trinken, Lachen, Schweigen, Sprechen ist immer gleich Theatergehen, Theatertrinken, Theaterlachen, Theaterschweigen, Theatertextaufsagen. Theater meist im Sinne von Tröten-Theater. Ausnahme: Angela Winkler als liebessüchtige, versponnene Nebenwelten durchtaumelnde Hure.

Wie gesagt, es gab schon schlimmere Peymann-Inszenierungen − noch lautere, noch selbstgerechtere, noch pappigere, noch naivere. Es gab auch schon griffigere Verrisse. Aber wir wollen die Sache nun einmal nicht eskalieren lassen. Erstens weil es der Theaterkunst offenbar auch nicht weiterhilft, wenn Peymann resigniert. Zweitens wegen des Kopfes.

Dantons Tod 16., 21. Januar, 20 Uhr, 2. Februar 19.30 Uhr im Berliner Ensemble, Karten unter: 28 40 81 55