Berlin - In der Volksbühne sind sie verrückt geworden. Das wundert nicht. Sie spielen Shakespeares „King Lear“, das Drama über einen vor Machtlust und Eitelkeit mit Irrsinn geschlagenen König. Aber es wundert doch, wie wörtlich sie das mit dem Wahnsinn nehmen. Es ist, als hätte man ein bisschen im Shakespeare-Text geblättert, hier und da von Wahnsinn gelesen und daraus geradewegs geschlossen, dass man dieses Stück nur spielen könne, indem man lauter Wahnsinnsszenen zusammenklöppelt. Also werden etliche  Variationen von Irrsein gezeigt, die zwar keinerlei dramaturgischen, handlungslogischen oder sonstigen Zusammenhang haben, dafür aber sich im blanken Nonsense-Spiel austoben dürfen.

Grunzen, plärren, krächzen

Und was dieser Inszenierung alles an Unsinn einfällt! Gleich am Anfang zum Beispiel: Ein weißer Vorhang schmückt die Bühne, und hervor tritt die Schaustellerin Silvia Rieger. Sie hebt den linken Arm gen Himmel und schreit: „Schrei!“. Gleiches geschieht hernach mit dem rechten Arm. Insofern ist es nur logisch, dass sie darauf beide Arme hochreißt, ausgiebig zu schreien beginnt und den Vorgang mit den Worten „Ohne Worte!“ kommentiert. Es folgt ein betont sinnbefreiter Brabbel-Brüll-Monolog aus Grunzen, Plärren, Krächzen und Silbensabbern. Dazwischen ist immer wieder der Satz „Die Stunde ist’s!“ zu vernehmen. Silvia Rieger trägt hierzu ein golden glitzerndes Kostüm samt Fusselbart, der auch dem Räuber Hotzenplotz bestens stehen würde.

Oder diese verrückte Nummer: Die acht Schauspieler werfen Blechgeschirr auf die Bühne, um gut 15 Minuten mit Löffeln auf Teller, Töpfe, Schüsseln einzuhämmern. Was für eine autistische Szene, die allerdings zum ästhetischen Autismus der gesamten Veranstaltung passt: Ohne jeden Rhythmus, auch ohne jeden sonstigen Gehalt wird gelärmt, einfach weil Lärmen irre ist, irgendwie. Es wird auch immerfort gebrüllt bis zur Heiserkeit, gelallt, gesingsangt, gestottert und gestammelt, weil in diesem Bühnenkosmos keineswegs nur Lear, sondern die ganze große und kleine Welt in einen unterschiedslosen Wahnsinn gewickelt ist, was sich, na klar, am besten durch Wahn-Sprech bebildern lässt. Und weil es bei Shakespeare auch um Verrat geht, was – mal eben fix nachgeschlagen – zum Beispiel Thema in Heiner Müllers „Wolokolamsker Chaussee“ ist, wird eben am Ende einfach Müller gespielt. Meine Güte.

Zwei Stunden Qual

Den Mitwirkenden neben Riegers Lear, allesamt Studierende an der Schauspielschule „Ernst Busch“, ist es dabei unter allen Umständen verboten, konsistente Figuren zu entwerfen: Sie dürfen einzig Witz- und Wahnwesen sein, platt gemacht vom geistlosen Regiehammer.

Silvia Rieger hat bereits mit mehreren sensationell schlechten Inszenierungen bewiesen, dass es ihr Vorsatz ist, die Zuschauer zu martern. Insofern waren die Erwartungen an diese immerhin zwei Stunden währende Aufführung hoch –  sie wurden nicht enttäuscht. Das Theater war voll, nur wenige sind gegangen, aber es gab auch keine Pause. Allerdings ist dieser Abend nicht nur Publikumsquälerei, sondern auch ein dramaturgisches Desaster. Und niemand, weder an der „Ernst Busch“ noch am Theater, intervenierte, um die Schauspieler und Rieger selbst vor einer solchen Peinlichkeit zu bewahren.

Lear, nächste Aufführungen am 26.2., 9.+ 30.3., Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Karten unter: 24065777