Theaterkritik: Steckel inszeniert Sartres „Die schmutzigen Hände“

Berlin - Natürlich ist es ungerecht. Aber wenn man in Berlin von Jean-Paul Sartres Stück „Die schmutzigen Hände“ spricht, dann springt schnell das Bild eines seltsamen Ehebettes vor Augen, auf dem Matthias Matschke, Katrin Angerer und zwei Bewaffnete eine groteske Verfolgungsjagd veranstalten. Auch mehr als ein Jahrzehnt nach ihrer Entstehung sind die grotesken, geballten Volksbühnenbilder, mit denen Frank Castorf das verstaubte Stück von 1948 in die politische Gegenwart von 1998 katapultierte, nicht weg zu kriegen.

Dass die 29-jährige Jette Steckel sich nun das existenzphilosophische Stück über Treue und Verrat im Machtkampf einer revolutionären Partei vorgenommen hat, spricht für ihre Unerschrockenheit. Und es passt in ihre noch zart beschriebene Werk-Linie. Denn unübersehbar ist darin der Hang zu Stoffen mit großem sozialrevolutionärem Drang bei gleichzeitig minimaler revolutionärer Ausbeute. Stücke, die intellektuell unter Dampf stehen, Handlungsdruck in die Welt setzten, aber (noch) keinen Weg vom Denken ins Tun finden: Gorkis „Kleinbürger“ brachte sie letztes Jahr so ins DT, nun soll es Sartres „schmutzigen Händen“ genauso gehen.

Wie wird aus Denken Tun? Das ist tatsächlich eine Grundbewegung sartreschen Existenzialismus. Denken ist darin nicht lebensfeindlich, es ist vielmehr das einzig Leben spendende Tun. So gerät auch die „Wirklichkeit“ der Sartre-Figuren zur Wirklichkeit von Entscheidungen, die sich auszupendeln haben zwischen den Idealisten (Hugo) und Pragmatikern (Hoederer) dieser Welt. Das ist der Grundkonflikt in den „schmutzigen Händen“. Eine Suche nach Authentischem, außerhalb dieser gedanklichen Findungen: sinnlos.

In dieser Sinnlosigkeit aber hat sich Hugo verheddert, der sehr ehrgeizige, sehr unglückliche und damit sehr fanatische Protagonist des Stücks. Als lebensfremder Schnösel stilisiert er seinen Eintritt in die Partei zur großen Überzeugungssache. Tatsächlich war sie nichts als private Laune. Ein Befreiungsschlag gegen den Vater und den eigenen Minderwertigkeitskomplex. Hugo fühlt sich nicht geachtet, nicht gebraucht, nur als „tragischer Held“. So winselt Ole Lagerpusch vor sich hin und spielt großes Opfertheater, obwohl er doch alles Theater hasst. Zum wiederholten Male hat er zudem die Gelegenheit verpasst, den coolen, James-Bond-lässigen Revolutionspragmatiker Hoederer (Ulrich Matthes) zu erschießen und damit seinen „Auftrag“ zu erledigen.

Der ideenfanatische, selbstmitleidige, junge Heuler gegen den schnoddrigen, selbstverliebten, alternden Polit-Erotiker: Das ist der Showdown, auf den Steckel diesen Abend zuspitzt. Und so macht sie aus dem politischen Gedankenduell ein halbironisches Generationenabrechnungsspiel, für das sie sich und uns die weinerlich verzerrte Tragödien-Brille dieses Hugo aufsetzt.

Die Widersprüche, an denen Sartres Figuren ihre Entscheidungen zu schärfen, gehen in diesem neurotischen Hugotheater einigermaßen unter. Auch wenn die sich drehenden Wände auf der Bühne von Florian Lösche ein schönes Spiegellabyrinth abgeben. Von unsichtbarer Macht gesteuert, schubsen diese Wände Hugo von Szene zu Szene, bereiten aber seinem Konkurrenten Hoederer große Auftritte. Sie drehen sich so, weil der „tragische Held“ Hugo es sich einredet. Hugo grübelt viel, doch kommt er nie zum Denken.

Und Steckel lässt ihn zappeln, weil sie keine sartresche Geschichte der Selbstfindung, sondern des Scheiterns erzählen will. Das ist als Herausforderung gedacht, doch verflacht es das Ganze auch. Was ebenfalls an Ole Lagerpusch liegt, dessen Hugo nur Psychopath bleibt. Das wiederum bläst jeden Auftritt des doppelbödigen Polit-Verführers Ulrich Matthes zur Offenbarung auf. Unterspült mit viel pathetischer Filmmusik und -gestik von Godard bis Mickey Maus entpolitisiert Steckel ihre „Schmutzigen Hände“ zur großen ironischen Jugend-Tragödie. Die Welt: ein Neurosenhaufen.

Deutsches Theater, wieder am 23. 1.,19.30 Uhr, Tel: 28 44 12 25