Können sich die Theaterkritiker alter Schule jetzt eine Kerbe in ihre Moraldonnerbüchse schnitzen? Das schweizerische Internetportal Theaterkritik.ch hat aufgegeben. Grund ist der Mangel an Kunden. Wobei mit Kunden nicht Leser oder Anzeigenkäufer gemeint sind, sondern die Theater.

Diese nämlich konnten bei Theaterkritik.ch Rezensionen kaufen. Für 600 Franken (ca. 500 Euro) gab es jeweils gleich zwei, verfasst von Theaterkritikern, die mit jeweils 200 Franken honoriert wurden − im Abonnement gab es Rabatt.

Das Service-Portal eröffnete im November 2011 und brachte seitdem Kritiken zu 61 Produktionen, geschrieben von 25 verschiedenen Berichterstattern. Der aktuellste Text datiert auf den 21. Juni und befasst sich mit der Kurzversion eines im Odeon Brugg vorgeführten Solos der Luzerner Performerin Katharina Birnstiel, die laut Beschreibung mit erhobenen Händen vor dem Klavier sitzt. Lesen wir einmal kurz hinein: „Endlich lässt sie den rechten Arm auf die Tasten fallen und löst so einen grellen Cluster aus. Dass darauf ein tieferer Cluster antwortet, ist allerdings allzu vorhersehbar.“ Jetzt weiß es die Welt.

Die Gründer argumentierten damit, dass die kleinen Theater (und Soloperformerinnen) in der immer weiter schrumpfenden Kulturberichterstattung immer seltener vorkämen und somit immer mehr an Aufmerksamkeit und in der Folge an Relevanz verlören. Diese Abwärtsspirale ist leider evident und mit Marketingmaßnahmen nicht aufzuhalten. Deshalb, so die auf den ersten Blick schlagende Idee, sollten die Theater ihre Kritiken aus dem Werbeetat finanzieren.

Gekauft, aber nicht käuflich

Die Grenze zwischen PR und Kritik sei dabei nicht verletzt, dafür stünden die Kritiker mit ihren Namen. Und nur weil die Kritiken gekauft werden, heiße das nicht, dass die Kritiker käuflich seien. Es steht doch extra drüber: „Die unabhängige Plattform für Theater-, Tanz- und Performancekritiken“. Und wer sagt denn eigentlich, dass die Theaterkritiker, die ihr Geld von Verlagen oder Sendern bekommen, unabhängig sind?

All diese Fragen kann man nun, nach dem Scheitern dieses Experiments in der Grauzone zwischen Journalismus und Lobbyarbeit wieder wegpacken. Für diese Art von kommerzieller Öffentlichkeitsarbeit gibt es offenbar kein Publikum. Es rechnet sich nicht.

In der vom Tagesanzeiger zitierten Mitteilung von Theaterkritik.ch zum Scheitern heißt es, der „Hauptgrund“ sei „das in einigen Medienberichten heftig kritisierte und als unmoralisch dargestellte Finanzierungsmodell, das eine Beteiligung der Theaterschaffenden vorsieht.“ Das klingt so, als hätte das Modell ohne diese Medienberichte funktionieren können. Und das wiederum klingt so, als hätten Medien noch einen Sinn.