Ein umstelltes Theater. Diesen Anblick bietet die Volksbühne am Donnerstag um zehn Uhr morgens. Einen Bannkreis aus rot-weißen Absperrgittern hat die Polizei aufgestellt. Im Haus nur die Besetzer, die dort auch die Nacht verbracht haben, und das sind 30 oder 40. Keiner darf mehr hinein ins Haus, bis auf Chris Dercon. Vor jeder Tür sind Beamte in Kampfmontur postiert. Der umstrittene Volksbühnenintendant fordert die Besetzer zum Gehen auf. Manche folgen ihm, andere nicht. Equipment wird von übernächtigt wirkenden jungen Leuten herausgetragen, Schlafsäcke, Lautsprecher, eine Diskokugel, ein Staubsauger mit dem Aufkleber „Leihgabe“.

Was für ein rührender Beweis für das Verantwortungsbewusstsein der Leute, die mit ihrer Aktion dagegen aufstehen wollten, dass Berlin den Weg der Verdrängung und der Ausgrenzung beschreitet, wie sie selbst es ausdrücken. Mit Hilfe von Einkaufswagen wird die Küche geräumt, Gasflaschen, große Töpfe, Herdplatten. Wolfgang, der Koch, hat Tränen in den Augen. Eine Passantin gibt ihm einen Blumenstrauß. Dann, um die Mittagszeit, stellt Chris Dercon Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs. Das ist das Signal für die Polizei, das Haus zu räumen. Vier Stunden später geht die Besetzung zu Ende.

Friedlich, ja. Die Besetzer sind nicht der schwarze Block. Es ist der Polizei sogar gelungen, die ganz hässlichen Bilder zu vermeiden. Einzeln verlassen die Besetzer durch einen Seiteneingang das Haus. Fünf müssen getragen werden. Auf der Wiese vor dem Theater lassen ein Mann und eine Frau große Seifenblasen steigen. Sie fliegen gen Himmel, und zerplatzen, noch bevor sie über die Volksbühne hinausgekommen sind.

Räumung schien lange unmöglich

Noch am Abend zuvor war so etwas wie eine Räumung unmöglich erschienen. Da wurde im großen Plenum das Angebot von Dercon und der Kulturverwaltung diskutiert, den Besetzern den Grünen Salon und den Pavillon zu überlassen. 200 Menschen waren gekommen. Warum sich darauf einlassen, wenn man das große Haus haben kann, wenigstens für ein paar Monate noch, war der bestimmende Tenor. „Die soziale Plastik ist doch erst am Kommen“, sagte einer. Sechseinhalb Tage nach Beginn der Besetzung stehen die Besetzer nun mit leeren Händen da. Draußen liest einer den Artikel 27 aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vor: „Jeder Mensch hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich der Künste zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Wohltaten teilzuhaben.“

Was haben die Besetzer mit ihrer Aktion nun erreicht? Konnten sie Aufmerksamkeit und Sympathie für ihre politischen Ansinnen erzeugen? Ein Bild in die Welt schicken: Seifenblasen, Basisdemokratie und Gitarrenmusik gegen die Gentrifizierung? Wurde in der Öffentlichkeit überhaupt klar, wer die Besetzer sind und was sie wollen?

Für die Volksbühne haben sie sich jedenfalls nur auf symbolischer Ebene interessiert. Und hier haben sie das Gegenteil von dem erreicht, was ihnen als Ziel nachgesagt wird. Sie haben Dercon und den Kultursenator Klaus Lederer (Linke) gezwungen, gemeinsam aufzutreten − woran diese sich nach anfänglicher Ziererei auch hielten. Der Konflikt, den die beiden miteinander haben und der die Zukunft des Theaters als ein Ensemble- und Repertoirebetrieb oder als ein Gastspiel- und Koproduktionshaus betrifft, ist nun erst einmal vom Tisch gewischt.

Lederer kommt nicht ohne Blessuren aus der Geschichte

Dercon hat jetzt ein starkes Argument mehr, wenn er sagt, dass seine Vorbereitungen trotz Millionen-Etats und zwei Jahren Zeit nicht für einen soliden Spielplan ausgereicht haben. Lederer − der ihm hätte Druck machen können − dürfte nicht ohne Blessuren aus der Geschichte herauskommen, auch wenn ihm die Polizei bescheinigt, besonnen und klug vorgegangen zu sein. Es wäre verantwortungslos gewesen, das Haus sofort zu räumen, als sich noch bis zu 3.000 Leute darin aufhielten. Stattdessen hat Lederer mit allen Seiten geredet und sich, als die Intendanz den Besetzern den Grünen Salon und den Pavillon zum Debattieren und Kunstmachen anbot, auf diesen Kompromissvorschlag eingelassen.

Und gerade, als man dachte, jetzt werden die Besetzer der Kulturverwaltung und der Intendanz auf der Nase herumtanzen, ließ sich Dercon, „in engster Abstimmung“ mit Lederer, der zur selben Zeit im Abgeordnetenhaus die Vorgeschichte schilderte, von Beamten ins Theater führen. Der Vorgang wurde von Lederer und Dercon so souverän und schadensfrei wie möglich beendet, jetzt werden Erklärungen und Danksagungen herumgeschickt. Berlin hat nun erst einmal einen Kater auszukurieren. Wer hat jetzt noch Lust, sich über die Volksbühne zu streiten?