Sandra Hüller (Mitte) als Hamlet. Mit der Aufzeichnung der Bochumer Inszenierung von Johan Simons wird das virtuelle Theatertreffen eröffnet.
Foto: JU Bochum

BerlinDoch, eine Schauspielerin wie Sandra Hüller packt den Zuschauer auch in einer Theateraufzeichnung. Wie sie in die Figur einsteigt, mit ihr leidet, denkt und kämpft, zwischenzeitlich sogar mit zwei Figuren, wenn sie ihr Hamlet von dessen Vaters Geist erfasst wird. Der tote Vater spricht und brüllt aus dem eigentlich zu schwachen Prinzen- und Schauspielerinnenkörper, schüttelt ihn, bläht ihn auf, droht ihn zu sprengen: Nimm Rache, Sohn! Die Haare fliegen, die Augen schwellen an, das Gesicht zeigt seine Muskeln, wird sich selbst fremd. Die Figur tritt in einen Dialog mit ihrer Abspaltung, das Spiel kippt in Besessenheit. Diese Szene erinnert an Hans-Christian Schmids Exorzismus-Film „Requiem“ (2006) mit Sandra Hüller in der Hauptrolle. Grandios. Beklemmend! Schnell ein Schlückchen und einen Keks zur Erholung.

Sandra Hüller spielt die Titelfigur in der Bochumer Inszenierung von Johan Simons. Mit dieser Arbeit, für die die Schauspielerin den Berliner Theaterpreis erhält, hätte am kommenden ersten Mai-Wochenende das diesjährige 57. Theatertreffen eröffnet werden sollen. Dann senkte sich die Pandemie auf das Leben. Das Festival soll nicht ganz ausfallen, sondern zieht in den virtuellen Raum des Internets. Jeweils 24 Stunden lang kann man sechs der zehn Gastspiele auf dem heimischen Bildschirm sichten.

Man könnte sich daran gewöhnen: Theater zu Hause auf dem Sofa. Was zu knabbern, ein Gläschen; ein zweiter Bildschirm, wenn es langweilig wird, die Pausen- oder Rückspultaste, wenn man was nicht mitbekommen hat. Ganz zu schweigen von den beschwerlichen Wegen und den nicht immer angenehmen Begegnungen, die man herkömmlicherweise mit dem Theaterbesuch auf sich nimmt und sich nun ersparen kann. Aufzeichnungen können, wie auch dieser, für die 3Sat-Reihe „Starke Stücke“ konservierte „Hamlet“ zeigt,   gute Ton- und Bildqualität bieten: Mehrere Kameras kommen hier zum Einsatz, die Perspektive wechselt nach den Konventionen des Fernsehens, statt auf seinem Theatersessel gefangen zu sein, springt man als Zuschauer auf der Bühne umher, kann sich zwischen die Spieler stellen, ihnen tief ins Gesicht blicken, ohne selbst anwesend zu sein.

Dass man sich daran gewöhnen könnte, ist allerdings auch erschreckend und löst Widerstände aus. Es ist so, als würde man leibhaftige soziale Kontakte durch Videokonferenzen ersetzen wollen und sich irgendwann dabei ertappen, dass man einen Bildschirm küsst.

Wenn die Festivalleiterin Yvonne Büdenhölzer am 1. Mai, um 20 Uhr, das virtuelle Theatertreffen mit einer Videobotschaft eröffnet, wird sie auch darüber sprechen. Die Unzulänglichkeit von digitalisiertem Theater wird das vorherrschende Thema bleiben, es sind virtuelle Diskussionsrunden anberaumt, auf denen sicher besprochen wird, wie man die Möglichkeiten körperlosen Theaters ausreizen kann: die Einbeziehung des Publikums durch Interaktivität und Spielifizierung des Geschehens, Gemeinschaftsbildung durch Chatverabredungen, wie sie das Theaterportal Nachtkritik.de anbietet, Raumauflösung mittels Datenübertragung.

Lauter wunderbare Kulturtechniken, die sich allerdings erst einmal selbst zeigen und sehr lange vor das schieben, was eigentlich ausgedrückt werden könnte. Man muss sich dennoch nicht übermäßig sorgen. Die Theaterfähigkeit des Menschen hat schon Kino und Fernsehen ermöglicht, ohne verloren gegangen zu sein.

Wie der „Hamlet“ als Theaterinszenierung war, dazu kann der Kritiker nichts sagen. Er hat sie, was ihm durch die Sichtung der Aufzeichnung erst richtig und schmerzlich deutlich wurde, verpasst.

Virtuelles Theatertreffen (1.–9. Mai) Weitere Informationen: berlinerfestspiele.de

Das Theatertreffen auf nachtkritik.de