Erstmals – bei Frank Castorfs ziemlich gutem Céline-Abend „Reise ans Ende der Nacht“ – reservierte man den internetaffinen Besuchern eine Sitzreihe (ganz hinten), die unter dem Hashtag #TTreise über das Gesehene per Twitter berichten. Zum ersten Mal war auch bei einem Theatertreffen ein Chor aus Gehörlosen zu vernehmen, der Bach singt, wie es in Alain Platels „tauberbach“ geschieht, der am vergangenen Wochenende erstaunlich bejubelt wurde. Erstmals wird zudem kommende Woche eine Arbeit gezeigt, für die ein Regisseur verantwortlich zeichnet, den man erst kürzlich aus seinem Intendanten-Job warf: „Die letzten Zeugen“ vom Wiener Burgtheater, inszeniert von Matthias Hartmann.

Image-Schade durch ein Plagiat

Und jetzt noch das: Das Theatertreffen ereilte sein erster waschechten Plagiatsfall. Die Theatertreffen-Jurorin Daniele Muscionico hat – wie der Kollege Wolfgang Behrens auf nachtkritik.de entdeckte – für ihren Text zu Castorfs Céline-Arbeit im Programmheft des Theatertreffens schamlos vom Text der Dramaturgin Angela Obst im Programmheft des Münchner Residenztheaters abgekupfert. Die Begründung einer vorgeblich unabhängigen Jurorin, warum dieser Abend zum Festival geladen wurde, ist also nahezu identisch mit den Selbstaussagen des Theaters. Herrje.

Daniele Muscionico, die vor Jahren auch für die Berliner Zeitung einige Texte schrieb, hat ihr Plagiat inzwischen mit einem „Moment von Gedankenlosigkeit“ entschuldigt. Die Berliner Festspiele räumen zudem zerknirscht ein, dass die „hauseigenen Kontrollinstanzen in diesem Fall nicht in der nötigen Konsequenz funktioniert“ hätten. So ist es. Und wie immer leiden darunter das Image und die Glaubwürdigkeit gleichermaßen.

Das kommt zur Unzeit. Kommendes Wochenende nämlich, wenn das Theatertreffen zu Ende geht, beginnt im Schweizerischen Winterthur ein neues Festival, das Schweizer Theatertreffen. Eine Jury hat sieben bemerkenswerte Inszenierungen ausgewählt, die allesamt in der Schweiz entstanden sind.

Das gab es für das Berliner Theatertreffen bislang nicht: Ein Konkurrenz-Festival, das den Berliner Deutungsanspruch angreift. Oder plagiieren die Schweizer schlicht das Berliner Theatertreffen? Zumindest gibt es eine Jurorin, die für beide Festivals die Auswahl mitentscheidet: Daniele Muscionico. Derlei Jurykuddelmuddel ist so neu zwar nicht, macht die Sache aber nicht besser: Wäre es ein Fall aus der Politik, würden wir es korrupt nennen, wenn sich jemand von Lobbyisten die Regierungserklärung diktieren ließe.