Etwas seltsam war die Eröffnung des diesjährigen Stückemarktes schon. Als habe es im vergangenen Herbst ein Riesenmissverständnis gegeben, als die Umwandlung des 35 Jahre alten Wettbewerbs für neue Texte in eine wettbewerbsfreie, nur noch dem subjektiven Blick eines „Paten“ verpflichtete Nominierung von zukunftsweisenden Performances verkündet wurde. Damals sprachen manche von der Abschaffung des Stückemarktes, die die Neustrukturierung de facto ist.

Davon aber will der Intendant der Festspiele Thomas Oberender nichts wissen. Gleich im ersten Satz seiner Begrüßungsrede am vergangenen Sonntag gab er demonstrativ zu Protokoll: „Ich will das Format auch weiterhin halten“. Ausrufezeichen.

Mit „Format“ meint Oberender den „Stückemarkt“, obwohl nun nichts mehr daran „Markt“ ist und „Stücke“ nicht seine Hauptsache sind, aber eine angemessene Neubenennung scheut er. Mehrfach bekannte sich Oberender zur bleibenden Wichtigkeit des schreibenden Autors, nur spiele der beim Stückemarkt nun eben nur noch insofern eine Rolle, als er der neuen Fragestellung entspreche. Die laute: „Was geht auf dem Theater eigentlich überhaupt nicht mehr?“ Oberender antwortete gleich selbst: sich zu „artikulieren wie die Großväter“ es taten. Welche „Großväter“, blieb ungesagt. Und: Sollte der Stückemarkt bis zum vorletzten Jahr nur Großväterkunst gefördert haben?

Sprechende Objekte

Die verquirlten Erklärungen des Intendanten in Ehren, aber nicht die zeitgemäße Öffnung für einen „erweiterten Autorenbegriff“ ist das Problematische an der Neuausrichtung des Stückemarkts. Fragwürdig ist das Auswahlverfahren dieser „neuen Autorenschaften“, die keine kritische Jurydiskussion mehr zu brauchen scheinen. Die Theatertreffen-Chefin Yvonne Büdenhölzer sieht auf Nachfrage die Problematik durchaus und schließt nicht aus, den Wettbewerbsgedanken wieder neu zu stärken und die Patenschaften zu überdenken. Würde es so kommen, wäre das derzeit hohle Label „Stückemarkt“ vielleicht tatsächlich „haltbar“.

Bis dahin blicken wir auf die diesjährigen drei Patenkinder und ihre „neuen Theatersprachen“, von denen die ersten zwei zu erkennen gaben, dass sie den etablierten erstaunlich gleichen. Das Theater der beiden bildenden Künstlerinnen Miet Warlopp und Mona el Gammal heißt: Installation. Handwerklich gekonnt lassen sie Objekte und Räume sprechen, statt Menschen. Inhaltlich aber bleibt beides auf der Strecke. Die irrlichternde Science-Fiction-Installation „Haus/Nummer/Null“ der Signa-Epigonin Mona el Gammal überzeugt dabei mehr, als die dadaistische Farbenschlacht „Mystery Magnet“ ihrer belgischen Kollegin. Aufständische Pinsel und Schaumkanonen balgen sich darin um die Hoheit über eine Leinwand. Und wären die Farbeimer nicht bald ausgeschüttet, sie balgten sich noch heute.

Eine totoptimierte Zukunft

Wer sich je in eine der doppelbödigen Parallelwelten von Signa verirrt hat, wird auch für das klinische „Haus/Nummer/Null“ offene Augen haben. Allein das zu diesem Zweck gefundene Gebäude, dessen Lage geheim ist, birgt Geschichten, die über die Performance selbst hinaus reichen. Für sich erzählt das Haus Nr. 0 die gängige SF-Vision vom Alptraum einer totoptimierten Zukunft: Wir leben im vierten Jahrtausend, das „Institut für Methode“ (IMF) hat mit Hilfe radikaler Naturbeherrschung eine „ideale Glücksgesellschaft“ geschaffen, in der biologische wie mentale Gleichschaltung Konsens ist.

Dennoch gibt es Widerstand der letzten Unoptimierten. Und so folgen wir in den sieben detaildichten Räumen den Spuren nicht nur des IFM, sondern auch einer renitenten Frau N.. Die Geschichte ist klein, aber die ebenso klaustrophoben wie entgrenzten Rätselräume wecken mehr Scharfsinn, als einem lieb ist.