Berlin - Eigentlich sollte dieser Text hier auf Englisch erscheinen, ganz im Geiste des mittlerweile rundum internationalisierten Stückemarktes des Theatertreffens (TT), dessen Geschäftssprache bald selbst Englisch sein soll, so die Leiterin Christina Zintl. Aus Rücksicht auf die Muttersprachler unter den Lesern wird doch lieber davon abgesehen.

Die Mehrheit der zum Stückemarkt eingesandten Werke jedenfalls war in diesem Jahr nicht mehr deutschsprachig, weshalb es auch nur noch ein einziger deutscher Text in die Auswahl der fünf geschafft hat. In den vergangenen Tagen wurden sie nun mit szenischen Lesungen und „Projekt“-Aufführungen im Haus der Berliner Festspiele vorgestellt.

Theaterwelt nicht automatisch vielfältiger

Dass die Theaterwelt offener wird, darf man begrüßen. Dass sie damit auch größer, reicher, vielfältiger wird, wie die TT-Chefs unermüdlich behaupten, folgt nicht automatisch. Überraschenderweise konnte man in den drei Stücktexten und zwei „Projekten“ eher das Gegenteil beobachten. Denn alle fünf kämpfen darin in erster Linie erst einmal ihre kleinen Kriege mit der Form und ihren Mitteln und lassen diese Kämpfe den Inhalt dominieren.

Wie sehe ich? Wie werde ich? Wie erinnere ich? Wie überhaupt schreiben, wenn die manipulierende Welt einfach nicht in klare Sprache passt? Das sind gute Fragen, die durch die Stücke geistern, nur bleiben sie auf halbem Weg stecken und inhaltlich unterbelichtet. 

„Schiebe ich das Erzählmodul mit der Stimmaufnahme oder doch lieber das mit dem Gemälde vor das Modul mit Aby Warburg?“, mag sich Simone Kucher beim Konstruieren ihres Stückes „Eine Version der Geschichte“ gefragt haben. Leider hört man die Unschlüssigkeit auch bei der Lesung noch heraus.

China und Schreibkampf

Neben dem Hongkong-Chinesen Pat To Yan und seinem Text „A Consice History of Future China“ hat sich auch Kucher ihren Schreibkampf sicher schwer gemacht. Beide versuchen, etwas Verdrängtes in Sprachform zu bringen: Kucher, indem sie eine armenische Geigerin entlang alter Tonaufnahmen und Bilder auf Spurensuche nach ihren Vorfahren schickt und damit beim Völkermord an den Armeniern landet. Yan, indem er ein zukünftiges China imaginiert, das vollgepackt mit mythischen Alptraumbildern die Verlogenheit und Gewalt der Gegenwart zu überbieten sucht.

Papiern sind beide Texte, was in den prominent besetzten szenischen Lesungen noch offenkundiger wurde. Besonders, wenn sie in dem grau-trüben Einheitssound des Mikroport-Spechens verdämmerten, wie bei Kucher. Am besten funktionierten die Lesungen dort, wo die souveränen Schauspieler aus Schaubühne und Deutschem Theater halb ironisch mit den oft platten Sentenzen spielten und so deren hölzerne Thesenhaftigkeit abschwächten, wie im Falle der kroatischen Coming-of-Age-Erzählung „Der (vor)letzte Panda oder Die Statik“ von Dino Pešut.