Am Wochenende gab es „Zement“ von Heiner Müller auf der Bühne des Theatertreffens, einen Tag später als TV-Aufzeichnung der Inszenierung bei 3Sat. Ein Theaterabend, zwei sehr verschiedene Erfahrungen. Dabei hat die Fernsehvariante nicht nur Nachteile. Man kann die Beine ausstrecken, Wein trinken und hat nicht jene Besucherin im Rücken, die mit ihrem Hustenreiz kämpft – und immer verliert. Verliert wie der Kommunismus in diesem Stück nach einem Roman von Fjodor Gladkow aus Russland von 1925.

Ein unschätzbarer Vorteil der Fernsehaufzeichnung ist der Wechsel von Nahaufnahme und Totale. Man sitzt tatsächlich in der ersten Reihe, und zwar für lau. Und mehr als das. Als stünde man selbst zwischen den Schauspielern kann man Bibiana Beglau voll ins bebende Nasenloch gucken. Man sieht feines, differenziertes Mienenspiel, von der man von der zwölften Reihe aus nicht mal etwas ahnen kann. So kommt man als Fernsehzuschauer in den Genuss schauspielerischer Mittel, die auf dem Theater als unsichtbare Zugabe unwillkürlich mitlaufen und gewissermaßen ins Leere. Der Schauspieler kann ja seinen Gesichtszügen nicht verbieten mitzuspielen. Auch wenn keiner im Parkett das ironische Lächeln, den düsteren Blick, die unsichere Miene wirklich sieht, sie sind da und machen das Spiel reicher, an manchen Stellen sogar mehrdeutiger, wie man einen Tag später vor dem Bildschirm erleben kann.

Die Intimität der Kamera zieht die Distanz zwischen Zuschauerraum und Bühne ein. Man sitzt mit am kargen Tisch der Revolution und vergisst sich. Für einen Moment ist Illusionskino wirksam, wofür ein überaus virtuos mit dem Text synchronisierter Wechsel der Kameraperspektiven sorgt. Trotz der theatralen Sprechweisen, trotz der leeren Bühne ist man mittendrin – fast wie in einem anderen Leben.

Dieser Vorteil, die Distanz zwischen Zuschauerraum und Bühne einkassieren zu können, ist zugleich der größte Nachteil der Fernsehaufzeichnung. Dieses historische Trauerspiel auf der Bühne braucht das Publikum der Gegenwart – als stummen Mitspieler. Man sitzt im Theater ja stets in und als Gesellschaft. Ohne diese Berliner Premierenmischpoke um einen herum, ohne den berühmten Rechtsanwalt, den Feuilletonchef des Konkurrenzblattes, die ehemalige Nachrichtensprecherin, den neuen Kulturstaatssekretär, den wie-heißt-er-noch, ohne die hüstelnde Dame im Rücken, wäre die Tragödie nur halb so tragisch. „Passt sie noch in deine Hand, die Menschheit?“, fragt im Stück der desillusionierte Kommunist die Kommunistin. Ins Theaterparkett passt sie nicht, aber wir sitzen hier fast so, als ob. Wir Menschenkinder.