Was wären die Festivals ohne die Diskussionen über ihren Betrieb? Zunächst mal langweiliger. Dann natürlich auch unehrlicher sich selbst gegenüber, den Bewunderern und Kritikern. Denn auch wenn immer dieselben Themen – im Falle des Theaters ist es die Autorenförderung sowie das Verhältnis von Postdramatik zum Literaturtheater – hin- und hergewälzt, aber keinen Deut weiter gedreht werden, sind die Diskussionen doch unschätzbar wichtig für die innere Vielteiligkeit. Sie bringen gedanklich zum Rotieren, was allen Mitrotierern das Gefühl gibt, mitzuwerkeln an der Zukunft des Ganzen.

„Camp“ heißt die neue Theatertreffen-Plattform zur Herstellung dieses Gemeinschaftssinns. Und am Mittwoch, als mit Verlegern, Nachwuchsdramaturgen und -dramatikern, Kritikern und Theaterleitern einen Tag lang die „neuen Formen der Autorschaft“, ihre theaterpraktische Anwendung sowie finanzielle Förderung erneut in die Rotation geschickt wurde, konnte man diese vergebliche, trotzdem drängende Selbstverortung deutlich spüren. Würde man mal zwei Jahre lang alle Symposien einstellen: Wie allein würde sich die Hochkultur fühlen?

Der Juror Peter Laudenbach zitierte den Anhalte-Gedanken am Ende seines sachdienlich überspitzten Vortrags zum Dauerproblem der Autoren(über)förderung. Ursprünglich stammt er von Heiner Müller, der auf die Frage ’Wer braucht eigentlich Theater? antwortete: Schließen wir einfach ein Jahr lang alle, dann wissen wir, wer es vermisst.

Laudenbach pauste das über die Schreibschulen und Stückemärkte: Stellte man sie zwei Jahre ein, was machte das mit der Gegenwartsdramatik? Dass sie empfindlich einbräche, mochte nach seiner Zustandsbeschreibung und deren Bestätigung durch das Expertenpodium niemand glauben. Alle kennen die Fakten: Die Neuinszenierungsraten an den Theatern steigen zwar, aber Gegenwartsdramatik kommt kaum vor darin – Ausnahmen wie Elfriede Jelinek oder Lutz Hübner ändern daran nichts.

Dennoch ist Neuschreiben seit Jahren „in“, Stückemärkte, Schreibstipendien, Nachwuchspreise befeuern die Produktion, auch wenn nie eine Produktion daraus wird. Und wie das Gehaltvolle finden im übergroßen Salat der Dürftigkeit? Einfach Austreten aus der Fördermaschine, wie es das Theatertreffen mit der Abschaffung seines Stückewettbewerbs nun tat? Für den Intendanten des Wiener Schauspielhauses, Andreas Beck ist das keine Lösung. Autorenförderung und -findung sei wie Gartenarbeit: es gehe darum, fleißig, konzentriert und beständig nach Innen zu graben. Nicht alles müsse blinken, aber Tun sei besser als Lassen.

Auch flüchtige Werkstattinszenierungen seien besser als keine, wobei ihm der Autor Philipp Löhle zunickte: Ohne die Wettbewerbe und Nachwuchspreise hätte es ihn als Dramatiker vielleicht nie gegeben. Schade wär’s. Deshalb musste man diesen Erfolgsbeispielen des Fördersystems auch genauso beipflichten wie dem streng strukturellen Kritiker. Ausnahmen sind Löhle und Beck sicher: Löhle mit seinen verlässlich gespielten Texten und Beck mit seinem Wiener Schauspielhaus, das als eines der wenigen Theater für Gegenwartsdramatik auch gute Auslastung vorweist.

Entschleunigung ist die beste Autorenförderung

Normalerweise bedeutet neue Dramatik das Gegenteil. Darauf verwies die erfahrene Lektorin Marion Victor. Entschleunigung sei das Mittel der besten Autorenförderung.

Statt Aussteigen also doch eher Anhalten, wie es die Autorentheatertage des Deutschen Theaters in diesem Jahr tun? Oder den Autorenbegriff einfach mal als „neu“ definieren, wie das Theatertreffen seinen Ausstieg rechtfertigt: Die selsamen Fundstücke dieser „neuen Autorschaften“ stellten sich dann am Nachmittag vor: Lutz Hübner zum Beispiel, der seit 15 Jahren zu den kommerziell erfolgreichsten Routiniers zählt oder Bastian Trost von Gob Squad, die seit 20 Jahren Performances machen, ohne „Autor“. Oder Chris Thorpe, dessen Text „There Has Possibly Been An Incident“ die dritte Stückemarkt-Präsentation dieses Jahres war.

Ein hochinteressanter Text. Stimmen nähern sich darin aus unterschiedlichen Perspektiven Momenten persönlicher, politischer Entscheidungen: ein Terrorist, ein Widerstandskämpfer, ein Machthaber. Die Momente werden gedehnt und seziert, und sehr genau begreift man in den Redeflüssen, die mit halbdokumentarischen Diskursen gespickt sind, wann ein Einzelner in der Masse verschwindet, wann er sich aus ihr löst. Eigentlich kein Wunder, dass Thorpe auf die Frage nach der „Autorschaft“ später im „Camp“ vorschlägt, den „Autor“ am besten einfach mal als Anonymus zu begreifen und nur die Stimmen der Texte sprechen zu lassen. Ja, was wäre dann?