Theatertreffen: Müssen Kunstkritiker das Internet fürchten?

Wir leben in einer digitalen Gesellschaft. Wir leben aber auch in einer Gesellschaft, die vom Internet spricht, als wäre es ein unterschiedsloses Medium. Von Papier reden wir nicht so. Niemand käme auf die Idee, ihm vorzuwerfen, dass es, zum Beispiel, zur Veröffentlichung von Hitlers „Mein Kampf“ und Hegels „Ästhetik“ gleichermaßen taugt. Doch  wird in den Debatten um das Netz noch immer so getan, als sei das Medium schuld, wenn es etwa für Hasskampagnen genutzt wird.

Jedes Medium gehorcht seiner eigenen Logik, sicher. Das Internet hat Möglichkeiten, die es zuvor nicht gab, crossmediale und interaktive etwa. Dennoch muss man offenbar daran erinnern, dass es das Internet nicht gibt – es gibt nur verschiedene Weisen, es zu nutzen. Das Internet eignet sich dabei zum Qualitätsjournalismus genauso wie zum Billigboulevard. Die unter Medienmachern zuweilen vertretene These, Internet-Nutzer seien stumpfe Video- und Bildchen-Konsumenten, die keine längeren Texte und keine anspruchsvolleren Beiträge wollten, hat sich längst als Mär erwiesen.

Neue Chancen

Entsprechend hat sich auch der deutsche Online-Presse-Markt ausdifferenziert. Es gibt Medien, die von Videos bis zu umfangreichen Texten die Chancen des Netzes nutzen und dabei keineswegs die journalistischen Standards unterschreiten; es gibt auch Medien, die das Internet als Sammelstelle für Tratsch und Trallala gebrauchen und dabei vor allem auf die Steigerung von Klickzahlen hoffen. Beides sagt weder etwas über das Internet noch über den Mediennutzer, sondern darüber, was Medien von ihren Kunden halten. Denn auch das Internet ist weder ein ideologisch einheitlicher Block noch ist es auf eine Nutzungsweise festgelegt. 

Das konnte ich in vergangenen sieben Jahren immer wieder vom Theatertreffen-Blog lernen, den ich seitdem als Mentor begleite. Das Theatertreffen-Blog hat eine jährlich wechselnde Redaktion aus jungen Theaterkritikern, die das Theatertreffen journalistisch beobachtet. Im idealen Fall entscheidet diese Redaktion anhand des jeweils konkreten Gegenstands, ob über ihn ein Text, ein Film, ein Podcast, eine Bildstrecke entsteht. Verändert hat sich in den vergangenen Jahren dabei vor allem die Technikgläubigkeit.

Waren die ersten Redaktionsjahrgänge noch stark von den technischen Möglichkeiten des Internets fasziniert, werden diese jetzt als selbstverständlich genommen. Dafür ist die inhaltliche Auseinandersetzung mit Theater wieder wichtiger geworden. Über das Ende der Kritik im Zuge der Digitalisierung wurde noch vor Jahren ja viel diskutiert. Doch weder schwindet das Interesse an Kunstkritiken noch mangelt es an Nachwuchskritikern.

Nichts deutet darauf hin, dass die Kunstkritik zu Ende sei, aber viel, dass die digitale Revolution der Kunstkritik die Chance eröffnet, auf Einsichten zu reagieren, die sie eigentlich längst gewonnen hat.

Wir wissen ja mit der Moderne, dass die Werke keine geschlossenen Einheiten mehr sind, aber die Kunstkritik tut bis heute noch gern so, als ließen sie sich derart behandeln. Kritiker wissen zudem – oder können es zumindest wissen –, dass die Kunst keinen festen Kriterienkatalogen gehorcht, treten aber nach wie vor so auf, als ließen sich abschließende Urteile fällen.
Das ist ein merkwürdiges, allerdings aufschlussreiches Paradox.

Die digitale Revolution macht es sichtbarer – und sorgt so für Veränderung. Sie beendet nicht die Kritik, übrigens auch nicht die Kunst, verändert aber ihre Position. Denn fraglich geworden ist nicht die Theater-, Literatur- oder Kunstkritik, sondern die Position des Kritikers, der Ort, von dem aus er schreibt und denkt. Kritik heißt, etwas unterscheiden, Differenzen erkennen und beschreiben zu können. Es heißt, Unterschiede zu erwarten, auch Unterschiede von der eigenen Erwartung, vom eigenen vermeintlichen Bescheidwissen. Das ist keine Frage des Publikationsortes, sondern der Haltung.

Eine Kritik ist deshalb nicht gut oder relevant, weil sie in diesem oder jenem Medium erscheint. Dass Online-Medien die Einsicht wachsen lässt, Kunstkritik bedeutet nicht mehr einfach, der vermeintliche Fachmensch X teilt dem Leser Y mit, wie er Z zu bewerten hat, dass also die Kompetenzhierarchien schwinden und Leser und Kritiker sich auf Augenhöhe begegnen dürfen – das erlebt die Medienöffentlichkeit derzeit allerdings als Schock.

Die Hierarchien müssen sehr zementiert, die Angst vor dem Leser (oder: die Verachtung) muss groß sein; das ist wahrscheinlich mehr als die Angst vor Machtverlust, es ist die Angst davor, der Hochstapelei überführt zu werden. Man kann ihr nur begegnen, indem man mit jedem Text das Gegenteil nachweist.

Kennerschaft allein reicht nicht

Auch das ist im Grunde eine Banalität, die durch Online-Medien wieder ins Bewusstsein gehoben wird: Ein Urteil überzeugt nur aus sich selbst heraus und nicht, weil es im Namen einer Hierarchie gesprochen wird. Das bloße Auskennen ist ja genauso wenig ein Kennzeichen von Qualität wie das schiere Haben einer Meinung. Man muss begründen können. Zum Begründungsgeschäft gehört allerdings das Hören auf Einwände, sonst ist man entweder im autistischen Selbstgespräch oder der Textlieferant für einen selbstbezüglichen Kunstbetrieb. Kennerschaft ist sicher eine Voraussetzung für die Befähigung zur Kritik, aber keine hinreichende. Kritik ist der Versuch, sich begründet angreifbar zu machen. Und das Internet ist ein Medium, das sich hierfür hervorragend eignet.