Kommt hier schon der nächste Theatertreffenskandal? Am Abend der zweiten Aufführung von „Tauberbach“ kam es vor dem Haus der Berliner Festspiele zu einer Intervention. Aktivisten präsentierten Schilder mit der Aufschrift „Find 7 Differences“. Der belgische Choreograf Alain Platel, so lautet der Vorwurf, habe Ideen von einem anderen Choreografen namens Ricardo de Paula geklaut. Fest steht: De Paulas Stück „Sight“ ist 2012 und Platels „Tauberbach“ erst zwei Jahre später zur Premiere gekommen, und beide sind von dem Dokumentarfilm „Estamira“ von Marco Prado inspiriert. Prado erzählt in dem Film die bewegende Geschichte von einer an Schizophrenie erkrankten Frau, die auf und von einer Müllkippe bei Rio de Janeiro lebt. Diese Doppelung ist aber nicht der Punkt, möglicherweise wird der Film noch andere Künstler inspirieren. Doch die Bühnenbilder in Platels und de Paulas Inszenierungen − bestehend jeweils aus einem (Müll)-Berg an Kleidung − ähneln sich frappierend.

Ricardo de Paula wirft Patel Rassismus vor

Trotzdem wäre das alles nicht der Rede wert. De Paula und Platel hatten vor einigen Jahren über das Thema gesprochen, vielleicht sind schon damals Ideen entstanden. Beweisen lässt sich da nichts. Aber dass Platel, ein Künstler von Rang und großer Gestaltungskraft sowie bekannt für seine moralische Integrität, einfach jemanden aus dem vierten Glied die Ideen stiehlt, ist schwer vorstellbar. Offenbar hatten auch Ricardo de Paula und seine Mitstreiter das Gefühl, dass der Vorwurf nicht ausreicht, um eine Debatte einzufordern. De Paula konfrontiert Platel nun nicht nur mit einem Plagiats-, sondern vor allem mit einem Rassismus-Vorwurf.

De Paula ist eng mit dem Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße verbunden, wo „Sight“, so ein Zufall!, in den nächsten Tagen läuft. Das Ballhaus hat für einige Jahre durchschlagenden Einfluss auf die postmigrantischen, vor allem türkisch-deutsch geprägten Debatten genommen. So einfach ist das heute nicht mehr zu haben. Die Verhältnisse auf diesem Feld haben sich noch nicht zum Guten, aber doch zum Besseren verändert. Wer heute auf diesem Themengebiet Wirkung erzielen will, muss differenzierter vorgehen.

Deutungsstreit über Hautfarbe

Das gelingt dem Ballhaus nur begrenzt. Seit die vormalige, so enorm erfolgreiche Gründungs-Intendantin Shermin Langhoff zum Maxim-Gorki-Theater wechselte, ist Wagner Carvalho an die Leitungsspitze des Ballhauses gerückt. Dies ging mit einer eigentlich erfreulichen Erweiterung des Themenfeldes einher, künstlerisch wie politisch. Denn Carvalho, gebürtiger Brasilianer, der wegen seiner Hautfarbe Erfahrungen gesammelt hat und viel über offenen und verdeckten Rassismus weiß, ist bestens im internationalen zeitgenössischen Tanz vernetzt. Er steht schon mit seiner Biografie für einen Horizont, der weit über die deutschen Konfliktfelder weist.

Tatsächlich aber scheint etwas anderes zu passieren. Die Ballhaus-Akteure setzen zum Teil auf moralinsaure und engstirnige Blackface-Aktionen. Sie etablieren einen fragwürdigen und rechthaberischen Diskurs, wie ihn nun auch Ricardo de Paula nutzt. Alain Platel, so lautet der Vorwurf, habe die Geschichte der Estamira aus einer westeuropäischen Perspektive erzählt. Er sei dabei einem postkolonialen Kontext verhaftet geblieben, in dem der schwarze weibliche Körper zum Fetisch gemacht und die schwarze Person obsessiv als wild und verrückt gezeigt werde.

Der kranke Mensch und seine Würde

Nun steht bei Alain Platel gar keine schwarze Frau auf der Bühne. Die Frage der Hautfarbe hat ihn gar nicht interessiert, sondern wie ein kranker, von der Gesellschaft marginalisierter Mensch seine Würde bewahrt. Wie ein solcher Mensch Dinge auf eine Weise durchschaut, wie es nur aus seiner besonderen Perspektive möglich ist.

Hat er sich damit eine Geschichte angeeignet, die den Schwarzen gehört? Oder die den Rassismus unter den Tisch kehrt? Hat er, wie de Paula konstatiert, auf einem eng umkämpften Markt einem Künstler, den das alles viel mehr angeht, das Thema weggenommen? Wohl kaum. Die mehrfache Bearbeitung desselben Stoffs sorgt eher für mehr Aufmerksamkeit. Nur muss es sich auch um Kunst handeln. Künstlerische Leerstellen mit politischem Engagement zu füllen, kann durchaus wirksam und berechtigt sein. Aber man sollte dabei die politische Legitimität und die eigenen Interessen nicht miteinander zu verwechseln.