Berlin - Am Ende sitzt Martin Wuttke mit zerzausten Haaren, schmuddeligem Hemd, nasser Hose und einem so zermürbten Gesicht vor dem Publikum, als trüge er die Qual der ganzen Menschheit unter dem verkaterten Schädel. Diese Menschheitsqual aber ist Platonow nur selbst, der Dorfschullehrer und gescheiterte Aristokrat, der in allem immer nur den großen Menschen sucht, doch tatsächlich nirgends einen solchen zulässt. Platonow sitzt also auf dem Stuhl an der Rampe mit dem Gesicht zum Publikum, was nun, nach fast fünf Spielstunden wirkt, als hätte er erstmals überhaupt den Vorhang aufgezogen, da er bis dahin dort nur in Rückenansicht saß, und bekennt: die Menschen sind ihm doch das Allerliebste. Niemanden habe er je beleidigen wollen, dennoch immer alle beleidigt. Nicht einmal das aber sei ihm ja wirklich gelungen, sondern immer nur: „irgendwie russisch“.

Warten auf den Schuss

Dieses „irgendwie russisch“ seufzt Wuttke, als sei es die Höchststrafe für seinen Platonow. Es sind fast die letzten Worte des ausgezerrten Alten, bevor er aufsteht, aus dem verwitterten Salon auf die angrenzende Veranda tritt und dort einfach wartet, bis eine seiner drei Geliebten – also jene, die er zwar liebte, aber doch nur beleidigte − das Gewehr nimmt und ihn erschießt. Und sicher ist auch das „irgendwie russisch“, dass niemand von all diesen Geliebt-Beleidigten um ihn herum wirklich versteht, warum das alles geschieht. Nicht die energische Hausherrin Anna Petrowna, der Dörte Lyssewski eine kultiviert sadistische Verfallenheit gibt. Und am wenigsten die Mörderin Sofja Jegorowna selbst. Wie paralysiert legt Johanna Wokalek das Gewehr beiseite und verlässt den Raum, in den malerisch die Morgensonne hinein scheint und die Vögel herein zwitschern, als gäbe es keinen schöneren Tag.

Es ist das Ende einer bizarren, denkwürdigen, bis ins Kleinste ausgeklügelten Tschechow-Überbietung von Alvis Hermanis, die auch das vielgesichtige Theatertreffen dieses Jahres aufgeladener, sperriger und eigentümlicher kaum hätte beenden können. Ein Abend, der mit seinem Höchstmaß an Ausstattungs- und Darstellungsrealismus dennoch alles andere ist, als eine Feier reaktionärer Theatervergangenheit. Vielmehr zelebriert er eine Radikalität, die in ihrer Dehnung und ihrem spierischen Minimalismus kaum fassbar ist: Hyperrealismus und doch zugleich Realismusverweigerung. Denn was man hier sieht in all den historischen Details, den sich wölbenden Tapeten, den zahllosen kleinen Nebenschauplätzen der Dienstbotenaktivitäten, ist vor allem das Versacken jeder künstlich-realen Greifbarkeit in den Zerfransungen und zahllosen Seinsschichten dezentralen Lebens schlechthin.

Kaum eine szenische Darstellung wird dauerhaft scharf gestellt in der minutiösen Gutshauskulisse, die Monika Pormale im diagonalen Schnitt auf die Bühne gebaut hat. Und dennoch gibt es fast nie einen freien Blick in die drei Räume, hört man keinen Dialog, ohne dass er sich in die Hinterbühne verdünnisierte oder von anderem überlagert würde. Alles ist immer verstellt durch Rahmen, Scheiben, Wände oder leere Worte − und durch den Alkohol, der im Laufe der Nacht zum Meister dieser Menschen wird. Er macht sie zu leeren Figuren, die an der ersehnten, scheinbar unerreichbaren Trophäe, dem „Menschsein“ des jeweils anderen, saugen wie an einer leeren Wodkaflasche.

Alvis Hermanis, der konsequenteste und vielseitigste Menschensucher unter den Regisseuren, zeigt diesmal nicht, wie Menschen durch das Überziehen verschiedener Seinsschichten zu etwas werden; er zeigt ihre fortschreitende Entleerung. Gespenstisch ist das, wie die Figuren hier unter der Last der Realität des Raumes und ihrer Illusionen verschwinden und erstaunlich, wie uneitel sich die erstklassigen Burgschauspieler samt (demnächst wieder) Volksbühnenprotagonist Wuttke in dieses Verschwinden einreihen. Pointierter noch als es der Gymnasiast Anton Tschechow in seinem, zu Lebzeiten unveröffentlicht gebliebenen Erstlingsdrama schrieb, findet Hermanis in dem Gutshaus-Terrarium der Vojnicevs das Bestiarium von Gestalten mit verzweifeltem Menschenhunger.

Diffiziles Denkspiel

Kaum begreiflich, wie dieser diffizile Abend bei seiner Wiener Premiere vor einem Jahr so eindeutig durchfallen konnte und von „Pulikumsfolter“ (SZ) bis „totalprivater Lächerlichkeit“ (FAZ) die Rede ging. Im Theatertreffen-Reigen gehört dieses, durch seine eigene Oberfläche hindurchspielende Wahrnehmungstheater „Platonow“ neben Stemanns Figuren sprengendem Kopftheater des „Faust“, Vinges Genre sprengendem Totaltheater „John Gabriel Borkman“ und den beiden Hau-Produktionen „Hate Radio“ und „Before your very eyes“ zu jenen hoch reflexiven Lebensschauen und Denkspielen, die jedes für sich die Grenzen des Theaters verschieben.

Man hätte die Programm-Dramaturgie dieses letzten Theatertreffen-Wochenendes auch besser kaum setzen können, als dass man neben diesen alten Menschenaussauger Platonow, der sich lieber erschießen lässt, als sich zu ändern, das kinderfrohe Zukunftsspiel „Before your very eyes“ von Gob Squad terminierte. Denn auch dieses Spiel, in dem sieben Jugendliche zunächst auf ihre eigene, noch junge Vergangenheit blicken, um dann umso wacher zwischen Ideal und möglicher Wirklichkeit ihre erst nur erdachte Zukunft vorspielen, ist eine einzige Reflexion über das Menschwerden. Ein Werden zwischen Soseinmüssen und Dochanderskönnen. Zwar spielen auch sie am Ende ihr Sterben, doch stirbt dabei, man staunt und freut sich, nur die drohende Unveränderbarkeit.

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