Ein kostbarer Moment beim Theatertreffen: Nach zwei Stunden erhob sich das Publikum. Es klatschte, aber es klatschte vorsichtig, fast zärtlich, als wolle es sich lieber verneigen.

Sechs Menschen sitzen auf der Bühne, Wiener, die den Terror des Nationalsozialismus überlebten, in Konzentrationslagern waren, gedemütigt und verfolgt wurden. Es sind: Lucia Heilmann, Vilma Neuwirth, Suzanne-Lucienne Rabinovici, Marko Feingold, Rudolf Gelbhard und Ari Rath. Sie sitzen hinter halbdurchsichtigen Leinwänden, die Dias zeigen. Verwandte, Häuser, Lager, dazwischen immer wieder in Live-Großaufnahmen die Gesichter dieser Zeitzeugen. Vier Schauspieler treten abwechselnd an ein kleines Pult und lesen aus Erinnerungen, die stets am Rande des Sagbaren hausen. Das ist die Stärke des Abends.

Es gelingt in der sonstigen Vergangenheitsbewältigungsindustrie Seltenes: Dass gelebtes Leben nicht zur stummen Verfügungsmasse, nicht zum bloßen Material für die Gegenwartsschreibung wird, sondern zur Stimme gegen die Kräfte des Vergessens, gegen das Wegschieben des Gewesenen. Nach und nach holen die Schauspieler die Zeitzeugen nach vorn, auf dass diese kurze, direkte Worte des Dankes und der Mahnung ans Publikum richten – und danach antworten sie in Publikumsgesprächen in den Foyers auf Fragen. Auch das ist eine kluge Entscheidung: Das Erinnern und Erzählen nicht auf der Bühne zu belassen, sondern aus dem Theater hinauszutragen.

„Die letzten Zeugen“, dieses im vergangenen Oktober von Doron Rabinovici und Matthias Hartmann herausgekommene Projekt am Burgtheater, mag in Wien andere Energien und Resonanzen eröffnen als beim Theatertreffen. An Intensität und Dringlichkeit hat es in Berlin nicht verloren.

"Horror der letzten Wochen“

Und danach dann, als Matthias Hartmann die Theatertreffen-Trophäe überreicht wurde, stand er neben den sechs Zeitzeugen – und sprach von sich. Sagte allen Ernstes, dass es ihm „nach dem Horror der letzten Wochen“ jetzt vorkomme, „als mache es jetzt Klick, und alles sei nur ein böser Traum gewesen“. Für alle, die es nicht wissen sollten oder gern vergessen: Hartmann ist jener Mann, der im März als Intendant des Burgtheaters entlassen wurde, nachdem die finanziellen (knapp 22 Millionen Euro Bilanzverlust) und betriebsklimatischen Verhältnisse katastrophale Zustände angenommen hatten.

Dieser Hartmann tut jetzt also so, als wäre er Opfer und nicht Mitverantwortlicher der Misere, als wäre alles nur ein böser Traum und keine von ihm mitverschuldete Realität. Ein derart selbstbezüglicher und selbstgerechter Auftritt wie dieser, an diesem Abend in Anwesenheit dieser letzten Zeugen, ist an Geschmack- und Stillosigkeit nicht zu übertreffen. Das Theatertreffen ist um eine Peinlichkeit reicher.