Theatertreffen: Wir Maskenmenschen

Beeindruckend, diese Show. Keine Frage. Susanne Kennedy hat den Film „Warum läuft Herr R. Amok?“ von Michael Fengler und Rainer Werner Fassbinder von 1970 in die Gegenwart geschleppt – und es schaut alles sehr frisch und flott aus. Der Film erzählt die Geschichte eines Mittelstandsmannes (Herr R.), der in seinen Hoffnungen und Ängsten feststeckt. Der Arbeit, Familie und Auskommen hat, aber keine Freiräume. Der sein Leben abspult und am Ende erst Frau, Kind und eine Nachbarin erschlägt und sich danach im Büro erhängt.

Was im Film fassbare realsoziale Hintergründe des Daseins sind, die Ausgrenzung der Frauen aus der Arbeitswelt zum Beispiel, ist bei Kennedy gekappt. Sie streicht die Leistungszwänge des Arbeitslebens heraus und die politischen Kontexte weg. Es bleibt ein Mustermann, eine Standardschablone. Das Theater will damit ins Generelle, Grundsätzliche stoßen. Will den neoliberalen Immer-weiter-immer-mehr-Irrsinn ausstellen. Will der Leistungsgesellschaft ihre Produkte vorführen: gleichgeschaltete, leere Hemden im Hamsterrad. Herr R. sind du und ich, sind wir, sind alle: keine Individuen, sondern Nummern.

Deshalb ist alles an diesem Zweistundenabend, herausgekommen im November letzten Jahres an den Kammerspielen München und jetzt beim Theatertreffen präsentiert, auf Form getrimmt. Die Bühne: ein Holzschwitzkasten. Die Figuren: Marionetten, Menschenpuppen. Die Gesichter sind mit Silikonmasken plastiniert, auf dass man keine Regung sehe. Die Sätze kommen von synchron gespeicherten Stimmen aus dem Off. Die Schritte und Gesten sind robotergleich.

Das ist Verfremdung in Großbuchstaben, um die neoliberal forcierte Entfremdung ins Bild zu zwingen. Schroffer noch als bei Kennedys Münchner Inszenierung „Fegefeuer in Ingolstadt“ nach Marieluise Fleißer, im letzten Jahr ebenfalls zum Theatertreffen gebeten, wird hier das Spielen und Zeigen, das Figurenausmalen und Menschenausstellen gegeneinander gestellt. Und im Erfinden von Verfremdungstechniken ist diese Regisseurin sehr einfallsreich: Die Off-Stimmen sind nicht die Stimmen der Schauspieler, sie kommen von jenen Laien, die man zwischen den Szenen über eine Leinwand huschen und am Ende, nach dem Amoklauf, auch ungeschminkt und maskenlos auf der Bühne sieht. Das will programmatisch sein: Die Nicht-Profis, die Berufs- und Schauspielbefreiten werden als Zwangserlöste vorgestellt. Der Maskenmann Herr R. mordet – und die Laien werden aus ihrem Off-Reich zum Leben erweckt. Man kann das als ruppigen Revolutionsruf verstehen: Erst das gewaltsame Wegschlagen aller Fesseln wandelt den Mensch zum Menschen. Das Theater ruft zu den Waffen – das macht natürlich Eindruck in seiner harschen Konsequenz.

Aber es bleibt abstraktes Glasperlenspiel. Man muss diesem Theater nicht mit dem Formalismusvorwurf kommen, obwohl es sich diesen redlich verdient. Entscheidender ist, dass es seine Vorlage radikal entpolitisiert, indem aus konkreten Arbeits- und Lebenszwängen Formel werden. Denn woher diese Zwänge rühren, was ihre Ursache und ihre Genese ist, wird nicht erzählt. Sie werden damit einerseits austauschbar und andererseits wie ferne Göttermächte hingestellt. Das ist Theater, das sich der Neoliberalismus bestens übers Sofa hängen kann, weil es genau die Art von Kritik liefert, die ihm das Überleben sichert. Theater, das wie die Werke von Damien Hirst oder Jeff Koons in der Bildenden Kunst funktioniert – auch diese wollen den Kommerz-Wahn der Kunstwelt kritisieren und sind durch ihre schillernde Abstraktheit die besten Belieferer dieses Marktes.

Susanne Kennedy gehört übrigens zu jenen Künstlern, die Chris Dercon mit an die Volksbühne bringen will, wenn er 2017 dort seine Intendanz übernimmt. Wir sind gespannt.

Mehr zum Theatertreffen auf:

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