Das Relief des Grabmals von Julie von Voß.
Foto: Stadtmuseum Berlin

Berlin-BuchFontane war von der „schönen Gräfin“ fasziniert. Ihre Liaison mit dem preußischen König habe das Zeug für einen „Liebesroman“. Tatsächlich fand ihr tragisches Schicksal Eingang in die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Julie von Voß sei „nun mal eine pikante historische Person“, schrieb Fontane 1883 an seine alte Freundin Mathilde von Rohr. Ihre Lebensgeschichte – davon war er überzeugt – würde das Publikum interessieren. Allerdings zog sich die Recherche nahezu ein Vierteljahrhundert hin, weil man „von Julie v. Voß sehr wenig“ wisse. Fontane legte den Stoff jedoch auf Wiedervorlage, bis sich eine neue Quelle auftat: die Memoiren von Julies Tante, Sophie Marie von Voß.

Daraufhin gelang der berühmten Mätresse im Entstehungsprozess der „Wanderungen“ ein fulminanter Aufstieg: von der Fußnote in den Haupttext. Zunächst erschien Julie 1862 als Anmerkung im „Buch“-Kapitel des ersten Bandes, der später den Titel „Die Grafschaft Ruppin“ erhielt. Und 1882, als der Beitrag über Buch – geografisch nun korrekt – in den Band „Spreeland“ wanderte, wurde Julie ein separates Unterkapitel gewidmet.

Ab 1860 stellt Fontane Nachforschungen an

Fontanes Nachforschungen begannen 1860 in Buch, wo Julie von Voß (1766–1789) geboren und beigesetzt wurde. Sein Ausflug in den Berliner Vorort am 16./17. Juni 1860 ist detailliert dokumentiert: durch die Briefe an seinen Verleger Wilhelm Hertz, der ihn begleitete, und durch Notizbuchaufzeichnungen, die der Wanderer vor Ort anfertigte. „Ich freue mich recht sehr auf die Partie und flehe die Reisegötter um gutes Wetter an“, schrieb Fontane kurz vor der Fahrt an Hertz, dem er auch die Route mitteilte. Geplant war „(k)ein Aufenthalt in Pankow und Schönhausen, sondern gleich weiter“. Dabei ist gerade Schönhausen der Ort, an dem Julie 1784 den preußischen Kronprinzen, den späteren König Friedrich Wilhelm II. (1744–1797), kennen- und lieben lernte.

Porträt der Julie von Voß, als Künstler wurde Johann Heinrich Schröder ermittelt.
Foto: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten / Foto: Roland Handrick

In Schönhausen – heute der Ortsteil Niederschönhausen – befindet sich das Schloss Schönhausen, die Sommerresidenz der von ihrem Gatten Friedrich dem Großen verschmähten Königin Elisabeth Christine. Der Kronprinz hatte ein inniges Verhältnis zu seiner Tante Elisabeth Christine, bei der Julie seit 1783 als Hofdame tätig war – und schnell zum Objekt seiner Begierde wurde. Was nicht verwundert, wenn man Fontanes Beschreibung glaubt: „Julie von Voß war eine Schönheit im Genre Tizians, schlank und voll zugleich, von schönen Formen und feinen Zügen, blendend, aber von einer marmorähnlichen Blässe, die noch durch ein überaus reiches rötlich blondes Haar gehoben wurde.“

Obwohl der Kronprinz längst verheiratet, geschieden und wiederverheiratet war, wollten weder er noch Julie ihre leidenschaftliche Beziehung aufgeben. Und so ließen sich beide im Frühjahr 1787 morganatisch trauen. Ein halbes Jahr später wurde Julie, die nicht die einzige Ehefrau „zur linken Hand“ bleiben sollte, zur Gräfin Ingenheim erhoben. Das Glück währte jedoch nicht lange. Im März 1789, wenige Wochen nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes, starb die erst 22-jährige Julie an der „galoppierenden Schwindsucht“.

„Überall in Buch begegnet man den Spuren der schönen Gräfin“

Weil ihr Leichnam zur Beisetzung nach Buch überführt wurde, wollte sich Fontane ein Bild vor Ort machen. Der Wanderer plante, „Kirche, Schloss, Park zu mustern“. Während seines Aufenthaltes in Buch übernachtete er mit Hertz im „Schlosskrug“, heute „Ristorante Il Castello“, wo man in einem großzügigen Fontane-Zimmer an den prominenten Gast erinnert.

Die Kirche, notierte Fontane im Notizbuch, „ohne allen Prunk im Innern, aber äußerst gediegen, macht den Eindruck großer Vornehmheit“. Und hielt im Folgenden ein Detail fest, das er in den „Wanderungen“ verschwiegen hat: „18 Jahre nach Erbauung der Kirche“ (1831–1836) sei der Blitz eingeschlagen – „wie ein Schuß, durch das Fenster(,) das den Kirchenstuhl nach vorn hin abschließt.“ Man habe die Scheibe nicht repariert.

Notizen von Theodor Fontane.
Foto: Digitale Notizbuchedition

Darüber hinaus erfuhr Fontane, so erzählt er es in den „Wanderungen“, dass es Julies letzter Wunsch gewesen sei, nicht in der Familiengruft beigesetzt zu werden, sondern in einem „Grab unter der Kirchenkuppel, in der Nähe des Altars“. In seinem Notizbuch skizzierte er den Grundriss, auf dem die „Gruft der Ingenheim“ eingezeichnet ist. Allerdings fanden sich an dieser Stelle bei späteren Untersuchungen weder Grab noch Gebeine. Fontane hätte misstrauisch werden müssen, denn er entdeckte auch keinen Grabstein. „Überall in Buch begegnet man den Spuren der schönen Gräfin“, resümiert Fontane, „aber nirgends ihrem Namen.“

Auch nicht auf dem Grabmal, das ihr Bruder 1795 im Schlosspark errichten ließ. Entworfen hat das in Form eines römischen Sarkophags gestaltete Kenotaph der renommierte Architekt Hans-Christian Genelli. Fontane skizzierte das figürliche Relief an der Vorderseite: „ein Engel des Todes hüllt (die Sterbende) ins Gewand“. Und notierte darüber die Inschrift: „Soror optima, amica partriae (Beste Schwester, Freundin des Vaterlands)“.

Relief heute im Märkischen Museum

160 Jahre später gestaltet sich die Spurensuche in Buch noch schwieriger. Das Schloss fiel 1964 der Abrissbirne zum Opfer, der Kirche fehlt seit einem Bombenangriff 1943 der Turm und Julies Grabmal wurde in den 50er-Jahren mutwillig zerstört. Nur das Relief wurde gerettet. Es kam ins Märkische Museum und wurde später ein Exponat des 1987 eröffneten Schinkelmuseums in der Friedrichswerderschen Kirche.

Zu sehen bekommt man es derzeit nicht, weil das Gebäude 2012 aufgrund erheblicher Schäden – verursacht durch den Bau von Tiefgaragen für Luxuswohnungen – geschlossen werden musste. Das Relief verschwand im Depot der Alten Nationalgalerie – und wartet auf seine Wiederentdeckung. Verborgen im Unterholz des Bucher Schlossparks blieb bisher auch der ehemalige Standort des Grabmals. Mit einem Lageplan des Denkmalamtes und historischen Fotos lässt er sich jedoch identifizieren: im nördlichen Teil des Parks, am Ufer der Panke. Unter Brennnesseln finden sich Reste des Sockels und kleine Marmorstücke mit Ornamenten. Aber: Nirgends begegnet man ihrem Namen. Es muss ja nicht so bleiben.

Gabriele Radecke ist Literaturwissenschaftlerin und Herausgeberin der Fontane-Notizbücher.

Robert Rauh ist Historiker und Autor diverser Fontanebücher, darunter „Fontanes Frauen. Fünf Orte – fünf Schicksale – fünf Geschichten“, erschienen im be.bra. verlag. Mit Gabriele Radecke ist er Herausgeber von Theodor Fontanes „Wundersame Frauen. Weibliche Lebensbilder aus den ,Wanderungen durch die Mark Brandenburg’“.