Thelonious Monk bei einem Konzert im Jahr 1947.
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Die Superlative sitzen locker, wenn in irgendeinem Archiv vergessene Mitschnitte von großen Jazzmusikern auftauchen. Nur selten jedoch bringen sie mehr als Nuancen für Fans und Komplettisten.

Die Aufnahme von Thelonious Monks Auftritt in Palo Alto von 1968 ist dagegen gleich mehrfach eine ganz außergewöhnliche Entdeckung: Sie ist eine der besten Live-Aufnahmen des wahrscheinlich wichtigsten Erneuerers im Jazz der Nachkriegszeit, des Picasso des Bop, wie ihn Großkritiker Stanley Crouch wohl nicht zuletzt wegen der kubistischen Räumlichkeit seiner Musik genannt hat. Sie ist aber auch ein schlagendes Zeugnis für die „integrative Macht der Musik“, wie es Monks Sohn T.S. Monk in den Liner Notes formuliert. Hinter der Aufnahme steht nämlich eine ebenso kuriose wie anrührende Geschichte.

Danny Scher, ein 16-jähriger jüdischer Jazzfan mit Veranstalterambitionen will Monk an seine High School holen, die im gutbürgerlichen, sprich weißen Teil des kalifornischen Palo Alto, Einzusgebiet der Eliteuni Stanford, liegt. Er bekommt die Zusage, aber der erwartete Run auf die Tickets bleibt aus. Also geht er mit seinen Postern, trotz Warnungen der Polizei, in den Ostteil Palo Altos, dessen mehrheitlich schwarze Bevölkerung die Stadt gerade offiziell in Nairobi umtaufen will – 1968 kochten nach der Ermordung Martin Luther Kings die ethnischen Spannung besonders hoch. Die schwarzen Kids kommen zwar, kaufen aber keine Tickets. Sie glauben nicht, dass Monk wirklich käme – schließlich war er spätestens seit einer Titelgeschichte des „Time Magazine“ 1964 ein Star im Jazz und eine Ikone afroamerikanischer Kultur. Erst als Monk tatsächlich im Auto von Scheers Bruder vorfährt, füllt sich das Auditorium und ein gemischtes Publikum bejubelt die einstündige, ausverkaufte Performance.

Thelonious Monk wurde als als verrücktes Genie gehandelt

Zu Recht. Monks körperlicher und psychischer Zustand – er litt an einer bipolaren Störung – verschlechterte sich in den späten 60er-Jahren, ab Anfang der Siebziger trat er kaum noch, von 1976 bis zu seinem Tod 1982 gar nicht mehr auf. Das kleine Nachmittagskonzert in Palo Alto indes, im Grunde ein Zwischenstopp auf dem Weg zu einem Abendgig in San Francisco, zeigt Monk und seine seit vier Jahren eingespielte Band in einer herrlich gelösten Stimmung. Bis zu einer Viertelstunde spielt sich die Band lustvoll durch Monk-Kompositionen, Monk selbst soliert mit seinen typisch weiten Stridesprüngen aus der Frühzeit des Jazz einen Standard; als Höhepunkt jedoch gibt es gleich zu Beginn eine ganz erstaunliche Version von „Ruby, My Dear“, eine seiner schönsten Kompositionen. Das Quartett bringt die Ballade in unwahrscheinliche Dynamik, durch Drummer Larry Gales’ kleine stolpernde Wirbel und durch die nur als bezaubernd verliebt beschreibbare Art, in der sich Monk und Saxofonist Charlie Rouse in den Ecken und eigenwilligen Akzenten des Stücks umtänzeln.

Die Presse hatte Monk wegen seiner brummelnden Schweigsamkeit und einer gewissen Exzentrik immer gern als verrücktes Genie gehandelt. Monk wiederum, Jahrgang 1917, war erst spät vom Musiker- zum Publikumserfolg geworden und spielte mit pragmatischem Sinn für Marketing durchaus mit, erzählte sein Sohn in Interviews. In diesen Aufnahmen scheint es, als spiegele Monk die besondere Atmosphäre in der Halle mit herrlicher Leichtigkeit auf sein Publikum zurück, das diese Inspiration ganz offenbar in der wunderbaren Musik spürte.

Thelonious Monk – „Palo Alto“ (Impulse/ Universal)