Um die neunzig Fragmente zur Theorie des Raumes. Nein: zur kulturwissenschaftlichen Theorie des Raumes. Von Philippe Ariès’ Reflexionen über „Friedhof und Kirche“ bis zu Iris Marion Youngs „Werfen wie ein Mädchen“. Einsteins Raumzeit taucht ab und zu auf – ein die meisten der hier versammelten Überlegungen in Frage stellendes Gespenst. Schade, dass Karl Schlögel nicht vorkommt. Sein Erschrecken darüber, dass Geschichtsschreibung nach dem zweiten Weltkrieg viele Jahrzehnte lang in Deutschland glaubte ohne den Raum auszukommen, hätte zeigen können, dass es nicht nur Konjunkturen des Verhältnisses von Raum und Zeit gibt, sondern dass sie auch erfahren und erlitten werden. Aber jeder Leser wird etwas anderes vermissen. Dabei ist so vieles in dem kleinen Bändchen, das er noch nicht kennt, das kennenzulernen, ihm aber Freude machen wird. Zum Beispiel die Überlegungen von Young. Frauen, stellt sie fest, strecken sich weniger als Männer, sie halten ihre Glieder mehr am Körper. Sie nutzen den physischen Raum um sich weniger als Männer. Ihr Aufsatz stammt von 1980. In den Siebzigern gab es eine Fotografin, die hatte sitzende Männer und Frauen fotografiert. Da sah man auf einen Blick, was Marion Young in langen Untersuchungsreihen in einem wissenschaftlichen Forschungsprogramm erkundet hat. Aber Young geht weiter: Das Gehemmte kommt daher, dass Frauen sich weniger nur als Subjekt erleben als Männer das tun. Sie sehen sich immer auch als Objekt. „Ein wesentliches Moment der Situation des Frau-Seins besteht darin, dass sie ständig die Möglichkeit lebt, als bloßer Körper angestarrt zu werden, als Figur und Fleisch, der sich selbst als potentielles Objekt den Intentionen und Manipulationen eines anderen Subjekts darbietet und nicht als lebende Manifestation eigener Handlungen und Intentionen. Der Grund dieser zum Objekt gemachten Körperexistenz ist zwar die Haltung der anderen, die sie anschauen, jedoch fast damit auch die Frau ihren Körper oft als bloßes Ding auf.“ Wem das gar zu starker Tobak scheint, der kann ja sich daran erinnern, wie stark das Verhältnis von Außen- und Selbstwahrnehmung bei ihm selbst ist. Damit relativiert sich der Geschlechterunterschied, die Übergänge werden fließender. Aber Marion Young hat ihn doch an allerwichtigste Grundkoordinaten einer jeden Existenz erinnert. Vielleicht hat der eine oder der andere Leser auch an Angela Merkel und die Reihe der Kronprätendenten in der CDU gedacht. Die Selbstverständlichkeit, mit der deren Körper die Räume füllten und die körpersprachliche Gehemmtheit, mit der Merkel immer am Rande zu stehen scheint. Heute wirken die Herren, da Merkel sie alle abgesägt hat, komisch und wir können auch im gehemmten Körper die Sprache der Macht erkennen. Der stotternde Souverän.

Texte zur Theorie des Raumes, hrsg. von Stephan Günzel, Reclam, Stuttgart 2013, 442 Seiten, 14,80 Euro.