Heshmat (Ehsan Mirhosseini) duscht vor der Arbeit – als Henker.
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Berlin - Ein Paar mittleren Alters holt eine sehr junge Frau am Flughafen eines Landes ab, in dem die Frauen ihr Haar verhüllen müssen. „Geht es mit dem Schal?“, fragt die Ältere die Jüngere im Auto.

Es geht, ja. Aber ohne die ständige Rückkoppelung mit dem Vater in der deutschen Großstadt, in der die junge Frau sonst lebt, geht es nicht. Das Handy ist ihre Boje im Meer des Unbekannten. Es hilft ihr, die Verbindung mit sich selbst zu halten in einer Umgebung, die ihr Leben und ihre Herkunft in Frage stellt.

Als Tochter iranischer Emigranten kennt sie die alte Heimat ihrer Eltern nicht. Nun soll sie ein paar Tage bei ihrem Onkel und dessen Frau auf dem Land verbringen. Was hinter dem scheinbar harmlosen Verwandtenbesuch steckt, wird sie erst am Ende erfahren. Es ist die letzte von vier Episoden, die der Regisseur Mohammad Rasoulof in seinem Film „There Is No Evil“ miteinander verbindet, und auch in dieser lässt er den Zuschauer fast bis zuletzt im Ungewissen – ein geschickter Fährtenleger, der die Auflösung jeweils erst am Ende liefert.

Die letzte Episode könnte seine persönlichste sein, Rasoulofs Familie lebt in Hamburg, seine Tochter Baran spielt die Rolle der jungen Besucherin aus Deutschland. Die Schmerzen einer zerrissenen Familie sind in dieser verdichteten und doch weiten Erzählung spürbar. In der Figur des vermeintlichen Onkels, der wegen seines Widerstands gegen den Staat auf eine Karriere als Mediziner verzichtet hat und nun als Imker in einer Art innerer Emigration in den Bergen lebt, könnte man ein kaschiertes Selbstporträt vermuten.

Wie lebt man damit?

Am Ende hört man die variierte Melodie des Partisanenlieds „Bella Ciao“, das bereits in einer vorherigen Episode gesungen wurde. Von den Verklebungen einer TV-Serie befreit, die es für eine Einbrecher-Geschichte benutzte, wird es hier wieder zum Bekenntnis.

In vier Kurzfilmen erzählt Rasoulof davon, was die Todesstrafe für Menschen bedeutet, die sie vollstrecken. Es sind Variationen über das Thema der Freiheit des Einzelnen innerhalb eines Staates, der die Rechte des Individuums hinter die des Staates stellt. Macht sich schuldig, wer dagegen keinen Widerstand leistet? Wie lebt man damit, auf Befehl einen Menschen getötet zu haben?

Eine junge Frau aus Deutschland besucht ihren Onkel in der iranischen Provinz.
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Der Regisseur, der diese rechtsphilosophischen Fragen stellt, kennt sie nicht aus Hegel-Vorlesungen. Im Sommer 2019 wurde Rasoulof zu einem Jahr Haft verurteilt, bisher ist er frei, kann aber das Land nicht verlassen, seit ihm nach der Rückkehr aus Cannes, 2017, sein Pass am Flughafen abgenommen wurde. In Cannes lief sein Film „A Man of Integrity“, die Geschichte eines Fischzüchters, der sich gegen die Machenschaften eines korrupten Unternehmens wehrt.

Der Film brachte ihm den Tatvorwurf „Propaganda gegen den Staat“ ein. Der Richter, so sagte Rasoulof in einem Interview, habe sein Urteil mit der Begründung gefällt, das Wichtigste sei die Erhaltung des islamischen Regimes im Iran, dem habe sich alles unterzuordnen.

Unter dem Radar der Zensur

Obwohl nicht mit einem Berufsverbot belegt, bekommt Mohammad Rasoulof keine offizielle Dreherlaubnis. Kurzfilme aber bleiben mehr oder weniger unter dem Radar der Zensur, deshalb die vier Episoden. So bestimmt die Einschränkung die Form, wie es auch bei Jafar Panahi ist, der mit „Taxi Teheran“ eine gewitzte Antwort gab auf den Versuch, ihn mundtot zu machen.

Jemandem zuzuhören, zu sprechen, Fragen zu stellen, das bestimmt auch die Dialoge in „There is No Evil“. Es ändert nichts an der Gegenwart eines Gefängnisses, das gleich zu Beginn die Vorzeichen setzt. Die Architektur der Macht zeigt Rasoulof in ihrer Unübersichtlichkeit. Das unbewegte Gesicht des Angestellten Heshmat verrät nichts von seinem Tun. Zu Hause ist er ein braver Familienvater. Diktaturen brauchen solche Leute. Und sie brauchen das Militär als Erziehungsanstalt.

Wie das vor sich geht, sieht man in einer nächtlichen Zelle, in der sechs Soldaten über Befehlsverweigerung sprechen.

Die dritte Episode zeigt einen jungen Soldaten, der dem Staat gehorcht hat und deshalb seine Liebe verliert. Inmitten einer paradiesischen Waldlandschaft erlebt er die Qualen von Scham und Reue. Jede dieser Episoden hat ihr eigenes Licht, ihre Kargheit oder Üppigkeit. Ohne metaphorischen Umweg schuf Rasoulof hier vier Miniaturen existenzieller Konfliktsituationen, linear erzählt, loyal mit seinen Figuren, auch mit denen, die keine Partisanen sind.