Berlin - Kürzlich las ich bei der feministischen Autorin und Influencerin Teresa Bücker auf Twitter, dass ihr ein Kinderbuch des populären Autors Janosch zu heikel ist. Sie wollte ihrer Tochter die Geschichte vom Frosch und der Tigerente vorlesen, schrieb sie. Dabei sei ihr aufgefallen, dass der Frosch die Ente einfach so küsst. Ohne Einverständniserklärung. Das sei nicht kindgerecht, sie habe sich geekelt. „Das kann nicht im Ernst eine Kindergeschichte sein, dass eine Figur an einer anderen, schweigenden Figur sexuelle Handlungen vornimmt“, fügte sie hinzu.

Sofort war die Aufregung auf Twitter groß. Viele empörten sich – über Teresa Bücker, nicht über den ohne Einverständniserklärung küssenden Frosch. Ich las ihren Tweet noch mal und war mir nicht so sicher, was ich davon halten sollte. War der Frosch übergriffig oder romantisch? Und was, wenn die Tigerente gar kein Problem damit hatte, ohne Anfrage geküsst zu werden? Ich war mir unsicher, hatte keine Meinung, was mich wiederum verunsicherte, weil man auf Twitter bitteschön nicht unsicher zu sein hat.

Ein paar Tage später las ich einen Blogeintrag der Schriftstellerin Berit Glanz, der sich kritisch mit Pippi Langstrumpf auseinandersetzte. Seit den siebziger Jahren galt Pippi als Symbol für Widerstandsgeist und Rebellion. „Sei wie Pippi, nicht wie Annika“, lautete ein Spruch, der in linken Kreisen auf Aufklebern kursierte. Diese Interpretation sei falsch, argumentierte Glanz. Die Kinderbuchheldin habe mit ihrem antiautoritären Auftreten eher die bestehenden Machtstrukturen verfestigt.

Pippi war schon seit einiger Zeit in Verruf geraten, wegen rassistischer Formulierungen. In den USA wurde eine beliebte Kinderbuchreihe von Dr. Seuss eingestellt, wegen offenbar rassistischer Darstellungen. Wohin man auch schaute, alles schien kompliziert, überall lauerten Gefahren, auch im Kinderbuchregal.

Während ich noch darüber nachdachte, was ich von alldem hielt, was meine Position als aufgeklärte moderne Mutter war, saß mein sechsjähriger Sohn auf dem Sofa und verfolgte ein neues Hörbuch, die Ilias, die Geschichte vom Kampf der Griechen um Troja.

Troja statt Ninjago

Er hat seit einiger Zeit ein großes Interesse für die griechische Mythologie entwickelt. Alles hatte mit einem Buch begonnen, das mir eine Kollegin für ihn mitgegeben hatte. „Ariadnes Faden“ hieß es, vom polnischen Autor Jan Bajtlik, ein illustriertes Kinderbuch mit vielen Labyrinthen. Es wurde zum Lieblingsbuch des Sechsjährigen. Plötzlich interessierte er sich nicht mehr für Zane, Cole und Samukai, die Comic-Kämpfer aus der Zeichentrickserie „Ninjago“, sondern für Zeus, Achilles und Odysseus. Er wollte mehr wissen und ich entdeckte die Ilias, erzählt für Kinder von Dimiter Inkiow. Ich fand das zunächst gut, ich mochte als Kind auch die griechischen Sagen.

Aber wenn ich drüber nachdenke, fällt mir auf, dass es bei den Griechen viel gewalttätiger und blutiger zugeht als bei Janosch. Da ist Kronos, der seine Kinder Zeus, Hades, Poseidon und Demeter verspeist. Da ist Hera, die ihr Baby aus dem Olymp wirft, weil es ihr zu hässlich ist. Das war ja alles schlimmer als küssende Frösche. Traumatisierte ich meine Kinder? Gerade die Frauenfrage. Frauen werden auf den Haushalt reduziert oder sind Kriegsbeute. Höchstens bei der Göttin Pallas Athene könnte man von modernem weiblichem Empowerment sprechen. Erstaunlich, dass auf den Büchern nicht längst Triggerwarnungen stehen. Andererseits sind die Geschichten besser als bei „Ninjago“.