Seit 2001 leitet Thierry Frémaux das größte Filmfestival der Welt. Der Filmhistoriker setzt sich in Cannes seit Anbeginn für eine eklektische Filmauswahl ein, die auch Animations-, Horror- und Actionfilme umfasst. 2018 muss er mit den gewaltigen Veränderungen in der Produktionslandschaft kämpfen, da immer mehr Regisseure für Streaminganbieter arbeiten und damit für Festivals auszuscheiden drohen. Am Dienstag beginnt das Festival zum 71. Mal.

Herr Frémaux, In den letzten Wochen wurde viel über Netflix berichtet. Cannes hat entschieden, keine Filme in den Wettbewerb einzuladen, die in Frankreich nicht ins Kino kommen können. Netflix hat daraufhin seine Filme zurückgezogen. Ein notwendiger Streit?

Es gibt weder Streit noch Krieg. Der Geschäftsführer von Netflix, Reed Hastings, hat erst vor wenigen Tagen Fehler im Umgang mit Cannes eingestanden und gesagt, sie müssten in Zukunft die Tradition des Kinos vielleicht etwas mehr respektieren. Die Welt ihrer Plattform sei das Internet und die sehe sich nun mal mit der des Kinos konfrontiert. Darin sind wir uns ganz einig. Die Lage der Filmbranche und die Umstände, wie Filme hergestellt und gezeigt werden, haben sich stark verändert. Wichtig ist: Cannes verbietet keine Filme von Netflix. Wir erlauben sie nur nicht im Wettbewerb. Es gibt aber viele andere Möglichkeiten, in Cannes zu laufen. „Star Wars“ zeigen wir auch nicht im Wettbewerb.

Für Ihre Haltung werden Sie von Filmliebhabern als Verfechter des Kinos gefeiert, andere kritisieren, dass es die Filmemacher ausbaden müssen, die keine andere Finanzierung finden konnten. Was sagen Sie ihnen?

Die Lage von Filmemachern verändert sich ebenfalls. Regisseure wissen, dass es nicht dasselbe ist, von Netflix finanziert zu werden, oder zum Beispiel von Amazon. Da Netflix möchte, dass seine Filme unmittelbar auf seiner Plattform erscheinen, was ich persönlich verstehe, und die Auswertungsfenster der verschiedenen Länder nicht respektieren, wissen Filmemacher, dass ihre Filme nicht im Kino erscheinen werden. Die Debatte über das künstlerische Schaffen betrifft zum Beispiel auch den neuen Film von Martin Scorsese. Ist das Kino oder nicht? Er wird von Netflix produziert, aber es ist doch Scorsese!

Nur einer von zwei deutschen Filmen in der offiziellen Auswahl läuft in einem Wettbewerb: Ulrich Köhlers Film „In my Room“. Was können wir von ihm erwarten?

Für uns ist Ulrich Köhler ein wahrer Autorenfilmer, der noch zu unbekannt ist. Sein Film ist ein poetischer Akt, perfekt für unsere Nebenreihe „Un Certain Regard“. Gerade, wenn man ihn mit all den anderen narrativen Formen vergleicht, die es ums Kino herum gibt, also auch den Serien, macht der Film ein besonderes, sehr persönliches Angebot an die Zuschauer. Das ist wirklich Kino, das heißt ein Prototyp. Das finde ich spannend.

Wird das deutsche Kino in Cannes angemessen repräsentiert?

Es kommt darauf an, ob Sie das quantitativ oder qualitativ meinen. Mit Filmen wie zuletzt „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin oder „Toni Erdmann“ von Maren Aden ist das deutsche Kino, jedes Mal, wenn es in Cannes ist, qualitativ sehr stark vertreten. Quantitativ stimmt das vielleicht nicht. Aber mein Freund Dieter Kosslick zeigt ja auch viele deutsche Filme auf der Berlinale.

Liegt es also an der Berlinale, dass nicht so viele deutsche Filme in Cannes laufen?

Nein, aber wenn deutsche Filme im Oktober oder November fertig sind, dann ist das ein idealer Zeitpunkt für Berlin. Aber das ist ganz normal: Es laufen deutsche Filme in Berlin, französische in Cannes und spanische in San Sebastián.

Da wir bei der Berlinale sind: Die Nachfolge des Festivaldirektors wird gerade vorbereitet. Kulturstaatsministerin Monika Grütters möchte diesen Sommer einen Vorschlag vorstellen. Kann diese Entscheidung eine Auswirkung auf Cannes haben?

Also: Ich bin nicht Kandidat. Aber Auswirkungen wird es natürlich haben, weil Berlin, Cannes und Venedig die großen Festivals der Welt sind und es wichtig ist, dass es zwischen ihnen eine freundschaftliche Verständigung gibt. Ich habe mich sehr gut mit Dieter Kosslick verstanden, deswegen hoffe ich, dass das mit der Frau oder dem Mann, die ihm nachfolgen, auch so sein wird. Natürlich gibt es auch eine Konkurrenz zwischen den Festivals, aber wir alle wollen das Kino ins Zentrum stellen.

Skandale bestimmen manchmal den Ruf von Festivals. Sehen Sie welche am Horizont, etwa mit der Rückkehr von Lars von Trier?

Skandale werden nicht von Festivals hergestellt. Aber natürlich gibt es Filme, von denen ich denke, dass sie starke Reaktionen hervorrufen werden. Dazu gehört Lars von Triers „The House That Jack Built“, der eine sehr gewaltsame Geschichte erzählt und nach dem Wesen des Bösen fragt. Ich finde, das ist ein großer Filmemacher und ein großer Film.

Gewalt kann interessante Effekte haben, denkt man etwa an Horrorfilme.

Genau. Das Kino ist eine erwachsene Kunst. Einer der größten Skandale von Cannes war die Vorstellung von „Irreversibel“ von Gaspar Noé. Da geht es um die Frage, wie man Gewalt darstellen kann. Weil wir überall so viel Gewalt sehen, ist es wichtig, sie ganz ohne Selbstgefälligkeit zu zeigen. Skandale stehen in einer langen Tradition. Marquis de Sade hat da sehr wirkungsvolle Bücher geschrieben. „Love“ von Gaspar Noé erregte erst kürzlich die Gemüter, weil er expliziten Sex zeigt. Dabei waren in der Antike nackte Körper sehr selbstverständlich in der Kunst. Skandale gehören aber auch zur amüsanten Folklore von Cannes.