Im Elbsandsteingebirge. Irgendwo dort sind die Helden von Thilo Krauses Roman unterwegs. 
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Niemand kann seine Kindheit zurückholen, niemand kann die Vergangenheit ändern. Das weiß der Erzähler, als er nach Jahren wieder ins Elbsandsteingebirge zieht. Mit seiner Frau Christina und der gemeinsamen Tochter, die im Buch immer nur „die Kleine“ heißt, sucht er sich ein Haus aus in der „Stadt-die-keine-ist“, nahe dem Dorf, wo er aufwuchs. Der Roman „Elbwärts“ von Thilo Krause, geboren 1977 in Dresden, handelt von einer Wiederbegegnung unter veränderten Vorzeichen.

Die Familie ist damals weggezogen von dort, wo der Vater sich in den Uranbergwerken der Wismut die Lunge kaputtgemacht hatte, fortgegangen auch wegen einiger Vorfälle, in die der Erzähler als Kind involviert war. Vito, sein bester Freund von damals, wird für immer daran erinnert: Bei einem gemeinsamen Kletterabenteuer im Elbsandsteingebirge hat er sich so verletzt, dass ihm ein Bein amputiert werden musste.

Den späten Heimkehrer treibt eine Sehnsucht. Der Autor lässt ihn suchen und zaudern, Gesehenes, Gedachtes und Geträumtes verschieben sich ineinander. Thilo Krause schickt seinen Erzähler in vorsichtigen Etappen näher zu dem Mann, demgegenüber er sich schuldig und zugleich nicht schuldig fühlt. Sie waren Kinder.

Eine Bindung an den Osten

Den Erzähler und seine Frau eint eine Bindung an den Osten, wo sie die Schulzeit erlebten „auf der Schneide von einem System und dem nächsten“. Doch sind sie misstrauisch. Denn sie sehen schon zu Beginn nicht nur die Bäckerläden, den Fleischer, die Eisdielen: „Dann das Deutsche Eck. Den Reichsadler. Gita’s Bierbude und noch einige mehr von diesen Orten, wo die Glatzen an Plastiktischen ihre Biere trinken, aber Glatzen haben die meisten schon lange nicht mehr. Von den Glatzen oder denen ohne gibt es viele. Deshalb kennt man diesen Flecken, wo Christina arbeitet und auch Vito seine Tischlerei hat.“ Die neuen Nazis halten ihre Camps in der Gegend ab. Ihre Zeichen finden sich auch in einer Höhle, keine historisch bedeutsamen Felsmalereien mit Jägern und Wildtieren also, sondern „das hier ist das andere Gestern: Hakenkreuze, SS-Zeichen, Panzer, Flugzeuge, die Bomben werfen …“

Während Christina wegen ihres Berufs als Physiotherapeutin nicht lange braucht, um zur Gemeinschaft zu gehören und akzeptiert zu werden, taumelt der Erzähler als Sonderling herum. Einzig zum tschechischen Busfahrer Jan findet er einen Draht, lässt sich von ihm Geschichten erzählen. Im Roman fungiert dieser als Spiegelbild zum tschechischen Hausmeister der Schule, der die beiden Jungen bei ihren Ausbrüchen aus den Regeln unterstützte.

Dem zögerlichen erwachsenen Rückkehrer steht in der Erinnerung der lebhafte Junge gegenüber, der Pläne ausheckt. Denkt er aus der Kinderperspektive an seine Eltern, kommt der Erzähler zuweilen durcheinander, so schildert er zunächst die Unrast seiner Mutter, und weiß: „Einsam war sie, eine riesige Leere, die sie versuchte, mit Aktivität zu füllen.“ Wenige Seiten später vermutet er, „wie glücklich meine Eltern gewesen sein müssen in der Zeit, als ich klein war“. 

Als der Heimkehrer die innere Barriere überwindet und endlich Vito trifft, fällt ihm das Reden zunächst noch schwer. Sein „Schweigen hat sich gebläht, bis ich niemanden mehr erkennen konnte“. Die Wahrnehmung des Erzähler-Ichs verdichtet vieles zu Bildern. Thilo Krause, der in Zürich lebt, ist schreibend zunächst als Lyriker hervorgetreten. In seinem Roman übernimmt oft und dabei atmosphärisch passend die Natur die Aufgabe des Sprechens. „Ich sah die Elbe strömen und die Hitze flimmern.“ Es gibt Regen und Gewitter im Gebirge. Als die Elbe über ihre Ufer steigt und viele Bewohner ihre Häuser verlassen müssen, ordnen sich die Verhältnisse neu.

Das Gemisch aus Heimatstolz und Angst

Der Autor wird nun konkreter in seinen Worten, die Leserin kann sich nun stärker auf die Augen des Erzählers verlassen, als auf dessen widerstreitende Gefühle zu setzen. Er verbindet Natur und Gesellschaft. „Wir sind die, die Caspar David Friedrich nicht gemalt hat: drei Männer in Betrachtung der Flut.“ Vito und er sehen mehr als das Wasser. Das unangenehme Gemisch aus Heimatstolz und Angst, aus Vorurteil und Ideologie, was von Anfang an über der Gegend schwebte, gewinnt seine hässlichen Konturen.

Thilo Krause schildert mit seinem ersten Roman Veränderungen im Osten, die zu deuten schon viele Journalisten und Politiker erfolglos versucht haben. Ähnlich wie vor zwei Jahren Lukas Rietzschel in seinem Debüt „Mit der Faust in die Welt schlagen“ nähert sich Krause einer Region, die mit ihren Protestkundgebungen gegen Flüchtlinge und den hohen Wahlergebnissen für die AfD in den Nachrichten ist, mit einem Blick von unten. Er schaut auf die einzelnen Menschen, auf die Nachbarn am Gartenzaun. Er überwindet das Schweigen, ohne seinerseits in Losungen zu verfallen, dafür ist seine Sprache viel zu differenziert. Thilo Krause nutzt die Mittel der Literatur: er erklärt nicht, er erzählt. Und das hinterlässt einen starken Eindruck, der nachwirkt.

Thilo Krause: Elbwärts. Roman. Hanser, München 2010. 208 S., 22 Euro