Ich weiß nicht, worüber ich alles schreiben soll. So viel ist in den letzten 14 Tagen geschehen. So viel, das mich in den letzten zwei Wochen bewegt hat.

Der Zivildienst, der jetzt wieder kommen soll, der ukrainische Botschafter, das schmerzhafte Zusammenfalten der Techbranche, Immobilienpreise, die wieder fallen sollen, das Neun-Euro-Ticket. Und das ist nur eine Auswahl jener Dinge, die uns alle beschäftigen.

Ich, im Rahmen meiner Arbeit, habe ebenso Eindrücke zu verarbeiten. Die Recherchen der letzten Wochen. Giftige Chemikalien im Grundwasser, Chemikalien, die so ungesund sind, dass ich, am Ende meiner Recherchereise durch Nordostitalien, einer Touristin am Flughafen davon abgeraten habe, ihre Trinkwasserflasche aufzufüllen. Dann der Kriegsgefangene Brite Shaun Pinner in der Ukraine. Er ist ein Bekannter von mir, den ich, wieder als Journalist, an der Ostfront der Ukraine begleitet habe. Als der Krieg noch vergessen war. Shaun Pinner und dieser Krieg waren den meisten Menschen unbekannt. Nun nicht mehr.

Und jetzt, heute, am Tag, an dem ich die Kolumne schreibe, sitze ich in einem Pariser Hotel und habe auf einer Waffenmesse mit scheuen Mitarbeitern von Rheinmetall gesprochen. Ich wollte mehr über ihren neuen Panther-Panzer wissen. Stand vor diesem riesigen Gerät, das aus einem Videospiel zu stammen scheint. Dieser Panzer ist so groß, dass er einen Schatten geworfen hat. Und in diesem Schatten wollte ich wissen: Warum ein Panzer Panther heißt?

„Tradition“, meinte der Mann auf der Messe. Und ich überlege, ob es dabei um eine Tradition geht, die mit Russland zu tun hat. Doch diese Frage konnte ich nicht mehr stellen, dafür wurde ich auf Grill-Hühnchen und Cola Zero eingeladen.

Alles gehört zusammen, aber ich weiß nicht wie

So viele Gedanken und so unterschiedliche Ereignisse, die doch alle miteinander zusammenhängen. Ich sitze in Flugzeugen, in Autos, blicke aus dem Fenster und versuche wie ein verrückter Mathematiker, diese Zusammenhänge herzustellen. Die Chemikalien, die Wirtschaft, der Krieg, das Neun-Euro Ticket und am Ende dieser Überlegungen: Shaun Pinner. Ich weiß, es gehört zusammen. Das alles. Aber ich weiß nicht wie.

Und dann, wenn diese Gedanken zu viel werden, vibrieren wie das Hinterteil eines verängstigten Insekts, denke ich einfach nur an Brandenburg. Am Ende meiner Gedankenspiralen befindet sich dieses Bundesland.

Ich fliehe, so wie viele andere Menschen auch. Vor den Nachrichten und vor meiner eigenen Wirklichkeit. Ich fliehe auf diese eine Trockenwiese, die sich hinter einem schilfigen Ufer versteckt. Am Wochenende war ich kurz dort, zwei Tage, und habe Kuchen in einen Ameisenhaufen geworfen. Ich wollte sehen, wie die Waldameisen diesen Kuchen wegtragen. Ich habe Zecken aus meinem Oberschenkel entfernt und Würstchen vor einen Fuchsbau gelegt.

Ein Klappstuhl, ein altes Kissen aus der DDR und eine gesteppte Decke

Im flachen Gras dieser Trockenwiese habe ich die Schere eines Flusskrebses gefunden und sie lange beguckt, ja, bewundert. Diese Wiese in Brandenburg ist wie ein Reinraum mitten in der Wirklichkeit, alles bleibt draußen, sobald ich sie betrete.

Die Sorgen werden zu freudigen Problemen, die immer zu lösen sind. Wer bringt Kaffee mit, was für Kuchen wird wohl gegessen, und ob es sich wohl schon lohnen würde anzubaden?

Ein Klappstuhl, ein altes Kissen aus der DDR und eine gesteppte Decke mit Blumenmuster aus derselben Zeit. Ich liege dort zwischen Himmel und Wiese, ein kleiner Fleck, und alles, was mich noch vor kurzem beschäftigt hat, ist unterbrochen. Nicht vergessen, nein, aber wenigstens unterbrochen.

Als Berliner kenne ich die heilsame Wirkung für das Gemüt durch feine Dosen an Brandenburgausflügen. Aber jetzt, besonders jetzt, nachdem wir alle feststellen: Corona war das kleinere Übel, beruhigt mich dieser Teil Brandenburgs, ganz oben im Norden. Ich träume, Shaun könnte hier Kuchen essen, vielleicht mit dem ukrainischen Botschafter zusammen, möglicherweise würden sie mit dem Neun-Euro-Ticket kommen. Zwei Mal am Tag fährt der Zug von Gesundbrunnen durch. Ich würde sie in kurzen Hosen vom Bahnhof abholen.