Wenn Politiker vor der Ausstrahlung einer Talkshow sagen, so etwas habe im Fernsehen nichts zu suchen, ist das schon ein ausgesprochen bemerkenswerter Vorgang. FDP-Generalsekretär Patrick Döring hat sich exakt so gegenüber der „Bild am Sonntag“ geäußert.

Das Objekt seines Zorns: die aktuelle Ausgabe von „Günther Jauch“ mit Peer Steinbück und Thilo Sarrazin. Letzterer hat mal wieder ein Buch geschrieben, „Europa braucht den Euro nicht“; am Dienstag wird es erscheinen.

Die Werbemaschine dafür sprang spätesten in dem Augenblick an, als Sarrazin den Satz niederschrieb, die Eurobonds-Befürworter seien „getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben“.

Dass so etwas für Empörung und maximale Aufmerksamkeit sorgt, ist eine Binse; wer öffentlich gegen Sarrazin und seine Selbststilisierung als Märtyrer in Tabubrechergestalt ankämpft, macht gleichzeitig Reklame für ihn.

Schäuble ist empört

So gesehen arbeitete die „Bild am Sonntag“ ihm nach Kräften zu, als sie die Stellungnahmen indignierter Politiker einsammelte. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) etwa erklärte: „Entweder redet und schreibt Sarrazin aus Überzeugung einen himmelschreienden Blödsinn, oder er macht es mit einem verachtenswerten Kalkül.“

Dass exakt dieses Kalkül aufgegangen war, stand nach dieser medialen Ouvertüre bereits am Sonntagmorgen fest. Am Sonntagabend folgte dann der Ernstfall: die Diskussion der steilen Thesen Sarrazins.

Den Fernsehmachern gefiel der selbstausgelöste Ausnahmezustand spürbar: Natürlich zitierte Jauch erst einmal die Kritik an der Sendung vor der Sendung, was diese ordentlich mit quotenträchtiger Brisanz auflud; hinzu kamen Bilder von Demonstranten vor dem TV-Studio im Gasometer, groß im Bild das Transparent: „Halt’s Maul oder wir schlagen zurück“. Du meine Güte.

„Empörung ist folgenlos“, begründete Steinbrück, warum er nicht nur über, sondern sogar mit Sarrazin reden wollte. Ihm gehe es darum, seinem SPD-Parteigenossen – den er übrigens nicht duzen wollte – „fundamental “ zu widersprechen. „Geschichtsblindheit“ warf Steinbrück sodann Sarrazin vor, das Ausblenden aller politischen Dimensionen bei der Frage, ob man den Euro nun brauche oder nicht.

Studien helfen nicht weiter

Sein Gegenüber indes argumentierte relativ unbeeindruckt weiter auf der Basis seiner ökonomischer Analysen, über deren Richtigkeit man sich als Zuschauer platterdings kein Urteil erlauben konnte. Steinbrück erwähnte Studien mit anderen Ergebnissen. So richtig weiter kam man damit nicht.

Und Jauch? Gab mal dem einen, mal dem anderen recht und erlaubte sich zuweilen Bemerkungen wie „Wenn ich mal Ihr Buch ernst nehme“. Dass allerdings immer detaillierter über ein Buch geredet wurde, das die Zuschauer schlichtweg noch gar nicht gelesen haben konnten, machte die Sache etwas unübersichtlich und unbefriedigend.

In Erinnerung bleibt Steinbrücks fulminantes Plädoyer für Europa und seine genaue Analyse des Empörungsmechanismus, der letztlich nur Sarrazin nutzt. Gegen dessen Dämonisierung sprach sich Steinbrück übrigens dezidiert aus. Es ist ja dann auch ein sehr sachliches Gespräch gewesen, das die beiden geführt haben – jenseits aller Aufgeregtheiten.