Frowalt Hiffenmarkt , findet bald Gefallen an den kriminalistischen Verhören.
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BerlinZur Arbeit des Rezensenten, also desjenigen, der Bücher liest und darüber schreibt, gehört die Nacherzählungspflicht. Es ist geboten, dem Leser in möglichst prägnanter Form mitzuteilen, um was es in dem behandelten Werk geht. Doch obwohl es im Fall von Thomas Kapielskis neuem Buch „Kotmörtel. Roman eines Schwadronörs“ erstaunlich viel Handlung gibt, kann der Rezensent an der Aufgabe nur scheitern. Man wird nicht fertig mit der Kapielski-Kunst.

Dabei ist die Rahmenhandlung schnell zusammengefasst. Frowalt Hiffenmarkt, so der Name des Ich-Erzählers, verdient sein Geld als Vertreter eigentümlicher Sanitärartikel und bereist auf diese Weise die deutsche Provinz zwischen Schweinfurt und Paderborn. Im Emsland in Meppen unterhält er eine geheime Schreibkemenate und, wenn man es genau nimmt, kann er weder vom Verkauf seiner sonderbaren Bürsten noch vom Geschriebenen leben. Einen Großteil seiner Energie und Leidenschaft verwendet Frowalt Hiffenmarkt jedoch auf das Abhalten von Bahnhofsvorplatzreden, aber berichten muss er über all dies aus einer Gefängniszelle in Grollstadt-Sauger heraus, ein Ort, der entgegen all der anderen schönen Städte, in die der Händler immer wieder zurückkehrt, eine Erfindung seiner Fantasie ist, auf die wiederum eine insektenartige Brummspezies Einfluss zu nehmen scheint.

Wie es zu der ominösen Verhaftung kam, erfährt man weiter hinten in dem weitschweifigen Roman, der um der Kunst des Abschweifen willens wohl entstanden ist. Frowalt Hiffenmarkt, der sich in kuriose Kurierdienste hat verstricken lassen, findet bald Gefallen an den kriminalistischen Verhören eines räsonierwütigen Kommissars namens Röhr, dem der Leser wohl, zumindest in der hier vorgelegten Fiktion, die gut 400 Seiten Text verdankt.

„Dann geht sie los, die große Ardennennarrative“. So oder ähnlich hat Thomas Kapielski den zwangsläufigen Mechanismus, dem zufolge eins zum anderen kommt, einmal in einem früheren Buch dargestellt. In diesem Sinn rattert das kapielski‘sche Erzählen dahin, und vermutlich würde es den Autor amüsieren, wenn man ihm eine gewisse Nähe und Vorliebe zum Romanschaffen der großen Russen attestieren würde. Tatsächlich ist Frowalt Hiffenmarkt in mancherlei Hinsicht Gotscharows Oblomov verwandt, ein anderes Werk aus Kapielskis Feder – zu der Bezeichnung würde er gewiss einprägsame Ausführungen machen – trägt gewiss nicht zufällig den schönen Titel „Je dickens, destojewski“.

Und das ist es denn wohl auch. Was sich da auf der Handlungsebene gemütlich, zäh und lebensfroh bis tragisch dahinschleppt, besteht doch vor allem durch Kapielskis nie nachlassenden Wortwitz, die Lust am gehobenen Verdrehen, Weiterspinnen und Auslassen. Es kalauert und jandlt in diesem Schwadronörroman, aber dann wieder verblüfft und fesselt Kapielski mit lebensklugen Nacht- und Nachgedanken.

Eigentlich könnte schnell Schluss sein mit dem barocken Erzählen, wenn Hiffenmarkt sich konsequent zu seiner Erkenntnis über Gottesbeweise verhielte, die auch den Autor Kapielski wiederholt beschäftigt haben. „Sobald es Gottesbeweise gibt“, lautet Hiffenmarkts Merksatz, auf den er einigen Stolz verwendet, „ist es vorbei mit dem Glauben, denn der bedarf keinerlei Begründung und keiner Beweise.“ Wenn es Gott gibt, wäre es vorbei mit all dem schönen Grübeln über seine Existenz. Ja und bumm, fügt Hiffenmarkt an, das sei die Lösung und der Weisheit letzter Schluss. Ist es dann aber doch nicht, weshalb noch weit über 300 Seiten folgen, denen Kapielski, der Mann ist ja auch Künstler, immer wieder feine Zeichnungen und Fotografien hinzugefügt hat, die das Geschriebene ergänzen und manchmal auch übertreffen.

Ja doch, es ist ein Schelmenroman, in dem der geneigte Leser Wissenswertes über den Handel mit Bamberger Busenbürsten erfährt, mehr aber wohl über die Lust, beinahe jedem gesagten und hingeschriebenen Wort nachzusteigen, so dass es fremd und drollig zurückblickt. Denn natürlich ist Frowalt Hiffenmarkt sehr belesen und steuert Hölderin, Goethe und einige andere Geistesreferenzen bei, um sich dann doch auf seine Bahnhofsvorplatzreden zurückzuziehen, wo es ihm primär nicht um die Zustimmung des Publikums geht, sondern vielmehr um die mögliche Resonanz einer Öffentlichkeit, in der man all die erregenden Dinge sagen darf, wobei es ihm am Ende egal oder sogar ganz lieb ist, dass die meisten interesselos vorüberziehen.

Thomas Kapielski: Kotmörtel. Roman eines Schwadronörs. Edition Suhrkamp, 410 Seiten, 20 Euro