Es begann 1889. Thomas Mann war 14 Jahre alt. Er sah wohl in der in Leipzig erscheinenden „Illustrierten Zeitung“ ein Foto, das ihm so gut gefiel, dass er es ausschnitt und „mit Reißnägeln über seinem Pult befestigte“. Vielleicht schnitt er es auch aus „Die Kunst für Alle“. Das Foto war die Reproduktion eines innerhalb eines Jahres berühmt gewordenen Bildes des Münchner Salonmalers Friedrich August Kaulbach. Das dortige Verlagshaus Bruckmann hatte Drucke des Gemäldes hergestellt, die in vielen Kunst- und Buchhandlungen Deutschlands in den Schaufenstern standen und verkauft wurden. Das Gemälde zeigt fünf Kinder. Vier Buben und ein Mädchen. Die Buben sind als Pierrots und das Mädchen ist als Pierrette kostümiert. Die Kinder sind Dank der medialen Verbreitung so etwas wie Popstars. Keine Band, sondern eine Rasselbande. Thomas Mann hängt sich ihr Poster in sein Zimmer. Allerdings kennt man ihre Namen außerhalb der feinen Münchner Gesellschaft nicht. Die freilich weiß: Es sind die Kinder von Alfred und Hedwig Pringsheim.

1904 betritt Thomas Mann, inzwischen Autor der Buddenbrooks das Palais der Pringsheims. In der Diele hängt – nicht als billige Reproduktion oder gar als Zeitungsausriss – das Original des „Kinderkarnevals“. 140 x 93 Zentimeter groß. Das kleine pummelige Mädchen ganz links auf dem Bild ist zu einer großen, schlanken 20-jährigen Frau herangewachsen. Sie heißt Katia Pringsheim und sie ist der Grund, dass Thomas Mann ins Haus der Pringsheims gekommen ist. Sie wird seine Frau werden. Vielleicht weil sie ihrem Zwillingsbruder Klaus so ähnlich sieht. Wie auch immer: Thomas Mann hat einen Kindheitstraum verwirklicht. Er ist Mitglied seiner Kultband geworden.

Es endet 1955. Im Frühjahr des Jahres bittet der Schriftsteller Alexander Moritz Frey (1881–1957) Thomas Mann um ein Vorwort zu seinem Novellenband, den er, zwei Wörter von Thomas Mann aufgreifend, „Liebenswerte Menagerie“ nennen wird. Hans Arp (1886–1966) hat Freys Geschichten illustriert. Zunächst „befremden“ ihn Arps Zeichnungen. Dann aber helfen sie ihm, die Novellen besser zu verstehen, ja die Zeichnungen setzen sie erst ins „rechte künstlerische Licht“. Elf Jahre zuvor hatte Thomas Mann Klees Arbeiten, die er in einer Ausstellung in Hollywood gesehen hatte, völlig verständnislos gegenübergestanden. Nun, kurz vor seinem Tode doch noch eine Öffnung hin zur Moderne?

Von Kaulbach bis Arp könnte man Manns Verhältnis zur bildenden Kunst angesichts dieser Ausstellung überschreiben. Aber das wäre falsch. Es gibt bei ihm kein von bis. Kein Curriculum. Es gibt Einzelnes. Sehr viel mehr als man lange annahm.

Thomas Mann hat immer wieder auf Werke der bildenden Kunst zurückgegriffen. Adrian Leverkühns Vater ist nach Dürers Melanchthon beschrieben, seine Mutter nach Dürers Bildnis der Jungen Venezianerin. Die Ausstellung und – natürlich – mehr noch der Katalog belegt, wie Thomas Mann seine Helden aus verschiedensten Vorlagen montierte. Nicht nur Personen, sondern auch Räume raubt er sich zusammen. Eine für seine Erzählung erforderliche oberbayerische Stube zum Beispiel holt er sich ebenfalls bei Dürer und beschreibt sie, wie man dessen Stich „Hieronymus im Gehäus“ beschreiben könnte. So bekommt er, ohne sie beim Namen nennen zu müssen, die richtige altdeutsche Atmosphäre in seinen Text.

Er war stolz auf seine Kunst, etwas so beschreiben zu können, dass der Leser glaubte es sehen zu können. Als Wolfgang Born ihm den „Tod in Venedig“ illustrierte, und dem sterbenden Gustav von Aschenbach den Kopf von Gustav Mahler gab, da rühmte der Autor das Einfühlungsvermögen des Künstlers. Dabei wird man davon ausgehen können, dass Mann Born in Vorgesprächen gesagt hatte, dass ihm Gustav Mahler bei der Figur Aschenbachs vor Augen gestanden hatte.

In der Ausstellung sind Thomas Mann Büsten und Porträts zu sehen. Es werden Illustrationen seiner Bücher gezeigt und Streitigkeiten mit den Illustratoren dokumentiert. Wir sehen die Bilder, mit denen er sich umgab. Wir sehen die, die er für seine Romane und Erzählungen, für sein Drama Fiorenza benutzte. Wir sehen Zeichnungen Thomas Manns und wir sehen, was er in Lübeck und München sah.

Ein Bild, das Thomas Mann seit 1913 begleitete, war Ludwig von Hofmanns „Die Quelle“. Drei nackte Jünglinge zwischen Felsen. Hofmann war an der Kunstschule in Weimar Lehrer von Hans Arp gewesen. Vielleicht hat das eine Rolle gespielt bei der 1955er Entscheidung Thomas Manns. Über diesen Entwicklungsstand ist Thomas Mann niemals hinausgekommen. Kubismus, Expressionismus, Abstraktion, Surrealismus, Picasso, Braque, Max Ernst usw. usw. haben keine Rolle gespielt. Die Revolution der modernen Kunst hat bei Thomas Mann nicht stattgefunden. Das ist die Bilanz dieser Ausstellung. Wir lernen wieder einmal: Der Künstler holt sich, was er braucht. Wir lieben ihn für das, was er macht. Nicht weil er eine Prüfung bestanden hat.

Und noch etwas: 26 Design-Studenten haben Anfang des Jahres 2014 Werke von Thomas Mann illustriert. Eigens für diese Ausstellung. Alle Arbeiten – nicht nur die drei Prämierten – sind in der Ausstellung und in einem eigens dafür angefertigten Katalog zu sehen. Den sollte sich unbedingt jemand vom S. Fischer-Verlag oder von der Büchergilde Gutenberg ansehen.

Augen auf! Thomas Mann und die bildende Kunst, bis 6. 1. 2015. Lübeck, Museum Behnhaus Drägerhaus, Königstr. 9–11, Di–So, 10–18 Uhr; Buddenbrookhaus, Mengstr. 4, Mo–So, 10–18 Uhr.