Die US-amerikanische Journalistin und Autorin Lisa Taddeo.
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Berlin Das Buch der amerikanischen Journalistin und Autorin Lisa Taddeo „Three Women – Drei Frauen“ galt schon vor dem Erscheinen auf Deutsch als Sensation. „Eines der wichtigsten Bücher des Jahres“, nannte es der renommierte Schriftsteller Dave Eggers. „Das beste Buch, das ich je über weibliches Begehren gelesen habe“, jubelte der britische Observer.  

„Ein Buch über die Komplexität der Liebe. Lesen Sie es“, rät die amerikanische Paartherapeutin Ester Perel. Derzeit wird das Buch für den Fernsehdienst Netflix verfilmt. Auf Instagram posten junge Frauen Zitate aus dem Buch und Bilder des Covers, was auch mit dem sehr geschmackvollen, grafischen Cover der Originalausgabe zusammenhängen kann. Die deutsche Ausgabe ist bebildert wie ein Männermagazin: mit einer jungen Frau im weißen Spitzenbustier. Bevor das Buch kürzlich auf Deutsch erschien, veröffentlichte der Spiegel eine Lobeshymne des Autors Takis Würger, die darin gipfelt: „Als Mann, der dieses Buch liest, schämt man sich.“

Das Buch

Lisa Taddeo: Three Women – Drei Frauen. Aus dem amerikanischen Englisch von Maria Hummitzsch. Piper, München 2020. 416 S., 22 Euro

Das weckt natürlich Erwartungen. In ihrem Prolog erklärt Lisa Taddeo, eine Reporterin, ihre Herangehensweise, dass sie ursprünglich über die Sexualität von Männern schreiben wollte, das aber langweilig fand. Sie erzählt von ihrer verstorbenen Mutter, der über viele Jahre lang auf dem Weg zur Arbeit ein Mann folgte, der hinter ihr masturbierte. Lisa Taddeo fragt sich, warum sie sich dagegen nicht gewehrt hat, und ob es ihr vielleicht sogar gefallen hat.

Drei spannende Frauenfiguren

Sie sagt, sie wolle sich in dem Buch den Widersprüchlichkeiten des Begehrens nähern, wie sich das Begehren von Frauen verändert, weil sie selbst oft die Objekte sind. In den folgenden Kapiteln lernt man die Protagonistinnen kennen. Die spannendste Figur ist vielleicht Maggie, die als 17 Jahre alte Schülerin eine Affäre mit ihrem verheirateten Englischlehrer hatte. Sechs Jahre später wird derselbe Mann als bester Lehrer von North Dakota ausgezeichnet. Das macht Maggie, seit der Affäre von Depressionen und Ängsten geplagt, so wütend, dass sie ihn anzeigt.

Der Verlauf des Prozesses strukturiert die einzelnen Kapitel. Die nächste Frau heißt Lina, sie ist eine Hausfrau Anfang dreißig aus Indiana, hat zwei Kinder, ein Haus und einen Mann, der sie seit Jahren nicht auf den Mund küssen will. Wenn er Sex mit ihr haben will, klopft er ihr auf den Arm und sagt: „Na, Lust?“ Lina will sich trennen und beginnt eine Affäre mit ihrer Jugendliebe. Die dritte Frau ist Sloane, die mit folgenden Sätzen vorgestellt wird: „Sie ist schlank und Anfang 40, hat aber das Gesicht einer Studentin aus einer Verbindung – es schreit förmlich nach Rummachen.

Sie geht häufiger ins Fitnessstudio als zu Verabredungen mit anderen Müttern.“ Sloane ist mit dem Koch Richard verheiratet, dessen „karnickelhafte Unersättlichkeit“ ihr das Gefühl gibt, begehrt zu werden. Sie hat Sex mit fremden Männern, die er für sie aussucht und dann dabei zuschaut. Das sind gute Geschichten, die man so flüssig wegliest wie einen gehobenen Erotik-Roman oder eine Cosmopolitan-Story, doch je weiter ich kam, desto mehr fragte ich mich, warum Lisa Taddeo sich ausgerechnet diese drei Frauen ausgesucht hat.

Keine Emazipationsgeschichte

Der Titel „Drei Frauen“ weckt den Eindruck, dass sie für etwas Größeres stehen, dass sie etwas Allgemeines über das Frausein im 21. Jahrhundert aussagen. Die drei sind nicht einmal für Amerikanerinnen repräsentativ: Sie sind alle weiß, zwei von ihnen sind katholisch. Lisa Taddeo ist freie Journalistin, vor ihrem Debüt hat siefür das New York Magazine und Esquire geschrieben. Sie hat für ihr Buch acht Jahre recherchiert, lange vor dem Beginn der MeToo-Debatte, hat Gespräche geführt, ist zweimal umgezogen, um ihren Protagonistinnen nah zu sein.

Gefunden hat sie die Frauen laut Observer über Aufrufe in kleineren Städten. In einer Autorenanmerkung, die in der deutschen Ausgabe am Ende des Textes steht, erläutert Lisa Taddeo, nach welchen Kriterien sie die Frauen ausgesucht hat: „Ich habe mich bei der Auswahl dieser drei Frauen danach gerichtet, wie gut sich ihre Geschichten nachempfinden lassen, wie intensiv sie sind und inwieweit die Ereignisse, falls sie sich in der Vergangenheit zugetragen haben, die drei Frauen zum Zeitpunkt der Begegnung noch belasteten.“

Jede der Geschichten drücke „grundlegende Wahrheiten über Frauen und ihr Begehren aus“, fügt sie hinzu. Was sind aber diese Wahrheiten? Alle drei beschriebenen Frauen existieren in Abhängigkeit von Männern. Was ist das für eine repressive Vorstellung von Frauen? Eine Emanzipationsgeschichte erzählt Lisa Taddeo jedenfalls nicht. Man stolpert über Sätze wie: „Wir geben vor, Dinge zu wollen, die wir nicht wollen, damit niemand sieht, dass wir nicht bekommen, was wir brauchen.“ Wer ist dieses Wir, das sie proklamiert?

Keine klare Sicht

An einer Stelle schreibt sie über den ersten Sex, den Maggie hat: „Wie so viele Mädchen in ihrem Alter ist Maggie noch offen für die Welt, frei von Angst, unbesiedelt. Männer drängen hinein und verwandeln ein Mädchen in eine Stadt.“ Was soll das bedeuten? Je weiter ich lese, desto mehr ärgert mich, dass ich nicht weiß, wer eigentlich in dem Text spricht. Die Protagonistinnen? Oder die Autorin? Woher weiß Lisa Taddeo so genau, was jede Protagonistin gedacht, gefühlt oder gerochen hatte, bei Erlebnissen, die Jahre zurückliegen?

Und wie passt das damit zusammen, dass die Frauen angeblich selbst in der Hand haben, wie ihre Geschichten erzählt werden? Durch ihre literarisierte Erzählweise verwischt sie jegliche Widersprüchlichkeiten, die Komplexitäten und schafft eine Eindeutigkeit, die das gelebte Leben selten hat. Ihr deutscher Verlag hat auf diese komplexen Probleme reagiert: Hier erscheint das Buch als Roman, nicht als Sachbuch wie in den USA.