Berlin - Erinnert sich noch jemand an Annika Schleu? Ich frage, weil ja auch Dramen und Schicksale kurze Halbwertszeiten haben. Annika Schleu ist die unglückliche Sportlerin, der es bei den Olympischen Spielen im Modernen Fünfkampf bei aller Verzweiflung nicht gelingen wollte, das ihr zugeloste Pferd Saint Boy fortzubewegen. Sie setzte eine Gerte ein, aber es half nichts. Ihre Trainerin Kim Raisner rief herrisch-hilflos: „Hau drauf!“

Schleu und Raisner müssen sich nun womöglich vor Gericht verantworten, es wurde Anzeige erstattet. Tierquälerei ist eine schlimme Sache, erst recht, wenn sie sich derart unvermittelt als öffentliches Ereignis zeigt.

Das Tier nicht als Partner, sondern Sportgerät

Ich würde nicht so weit gehen, ausgerechnet hier von Tierquälerei zu sprechen. Wer den Einsatz der Gerte als solche wertet, hat keine Vorstellung davon, was Pferden allein mit der Trense im Maul zugefügt werden kann. Und auch nicht von den Vorgängen in deutschen Sportställen. Harmlos war die Szene dennoch nicht, in ihr zeichnete sich ab, was die beiden von Erfolgszwang Getriebenen vielleicht noch alles angestellt hätten, wären ihnen Optionen verblieben. Das öffentliche Entsetzen resultierte ja gerade aus der Panik der Annika Schleu, in der sie ihr Pferd nicht mehr als Partner wahrnehmen konnte, sondern als Einsatzgerät, vergleichbar einem 7er-Eisen beim Golf.

Nicht minder befremdlich als die Szene am Parcours sind indes Versuche, symbolisches Kapital aufs Konto der moralischen Eitelkeit zu buchen. Die Schauspielerin Kaley Cuoco, bekannt aus der Serie „Big Bang Theory“, hat sich angeboten, das störrische Pferd Saint Boy käuflich zu erwerben. Sie sei selbst Reiterin und empfinde es als ihre Pflicht, diese Schande zu kommentieren, schrieb sie auf Instagram. Der Vorfall sei eine „ekelhafte Präsentation unseres Sports in vielerlei Hinsicht“. Die Schauspielerin attackierte Schleu und Raisner und fügte an: „Ich werde dieses Pferd sofort kaufen und ihm das Leben zeigen, das es haben sollte. Nennen Sie Ihren Preis!“

Vermutlich hat Kaley Cuoco, wie rührend es auch gemeint war, nicht verstanden, dass sich Saint Boy weder im Besitz von Schleu noch Raisner befindet. Die wohl nicht länger zu haltende Besonderheit des Modernen Fünfkampfs besteht ja darin, dass die Sportler in der Disziplin des Springreitens mit völlig fremden Pferden an den Start gehen. Der Skandal um Annika Schleu zeigt, wie sehr das Schicksal in die Enge getriebener Wesen alle anderen zu Bescheidwissertum anregt. Der Moderne Fünfkampf wird sich vielleicht ändern lassen, Letzteres vermutlich nicht.